Der Tod

Ein Thema, das mich und wohl auch Millionen andere Menschen auf dieser Welt beschäftigt, ist der Tod. Er bringt in jeder Hinsicht einschneidende, prägende Momente in unser Leben. Sei es der Tod eines geliebten Menschen, der des Haustieres oder natürlich auch der eigene Tod, bzw. die Vorstellung davon. Er stellt vieles auf den Kopf, wühlt uns auf, macht traurig und demütig. Wird einem die eigene Endlichkeit in Erinnerung gerufen, reflektiert man unweigerlich, denn wir alle sind Teil des Lebensrades und direkt betroffen.

Der Tod als Begleiter

Das Leben kommt, das Leben geht und die Welt dreht sich weiter. Auch wenn man sich schweren Herzens von geliebten Menschen verabschieden muss, finde ich diesen Aspekt des Rad des Lebens zutiefst befreiend und beruhigend. Irgendwann kommt für jeden von uns der Moment, an dem wir gehen müssen. Ausnahmslos. Auch wenn das vielleicht merkwürdig klingen mag und ich mein Leben wirklich liebe und genieße: Die Aussicht, dass alles einmal endet, tröstet und lässt mich zudem die Dinge intensiver und wertschätzender genießen.
Der griechische Philosoph Epikur sagte: „Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht.“. Das mag auf den ersten Blick so sein und dennoch sehe ich es anders, denn der Tod wirkt in mein Leben hinein und prägt es. Oft hört man von Menschen, die dem Tod nur knapp entronnen sind, dass sie heute vieles im Leben wesentlich mehr wertschätzen und genießen. Das ist absolut nachvollziehbar aber ich frage mich bei solchen Berichten dann: Muss es erst soweit kommen? Sollten wir, denen solche Erfahrungen erspart geblieben sind, nicht auch das Leben mehr wertschätzen und genießen? Wer weiß schon, wie lange es uns noch vergönnt ist? Sei es das Spielen mit den Kindern, der Spaziergang durch die Natur, das gute Gespräch mit dem Partner, den Verwandten und Freunden, das Streicheln von Tieren oder einfach das „bei sich sein“. Alles wertvolle Momente, die ich ganz bewusst wertschätze und die aufgrund des Bewusstseins der Endlichkeit an Gewicht gewinnen. So wirkt sich der Tod bereits heute auf mein Leben aus und verleiht ihm mehr Tiefgang.

Was kommt danach?

Was kommt nach unserem Leben? Geht es in einer anderen Art der Existenz weiter oder ist nach dem Ableben einfach Schluss? Ende, Aus, zappenduster?

Wir wissen es nicht und werden es erfahren, wenn es soweit ist. Eigentlich glaube ich, dass wir Menschen uns diese Ideen von einer Existenz nach dem Tod gerne erzählen und daran festhalten, weil es schwer fällt, sich vorzustellen, dass man einfach stirbt und damit alles von einem endet. Das mag manch einen ängstigen und die Vorstellung von einem Paradies, einer grünen Wiese oder den goldenen Festhallen von Walhalla und Folkwang sind da natürlich wesentlich verlockender.

Für mich persönlich hat sich über die Jahre ein Bild entwickelt, dass ich weder als historisch überliefert, noch als in irgendeiner Art nachweisbar vermitteln kann. Aber darum geht es eigentlich auch gar nicht, oder? Als Kind und Jugendlicher hatte ich die Vorstellung, dass man nach seinem Tod in seiner eigenen Fantasie weiterlebt, wo alles so ist, wie man es sich immer vorgestellt und gewünscht hat. Später wurde diese Vorstellung um die germanisch-heidnischen Mythen um Hel ergänzt, was mein Bild vom Leben nach dem Tod komplettierte. Für mich ist der Helweg, der Gang zu Hel in das Reich der Toten, heute das, was ich mir ausmale. Der Gang über die Gjallarbrú, jene Brücke, die über den Jenseitsfluss Gjöll führt und an deren Ende eine Frau namens Móðguðr wartet und meinen Namen und meine Herkunft erfragt. Dieses Bildnis entstammt Snorri Sturlusons „Gylfaginning“, einem Hauptteil der prosaischen Snorra-Edda und wird auch in Wardrunas Song „Helvegen“ wunderschön besungen. Natürlich wissen wir alle, dass die Edda keine „Bibel“ und auch keine Faktensammlung ist. Allerdings finde ich dieses Bild der Brücke und dem Gang über den Fluss zu den Toren von Hels Reich sehr schön. Hel, die oft als düster und böse dargestellt wird, ist allerdings nicht nur kalt und grausam. Sie ist gerecht und liebenswert den einen und unerbittlich und hart den anderen gegenüber. Es liegt sicherlich auch an der Person, die ihr Reich betritt, welche Seite sie zu sehen bekommt. Hel vereint scheinbare Gegensätze in sich, was sich auch in ihrem äußeren Erscheinungsbild widerspiegelt. Ihre Haut ist hälftig von normaler Farbe und hälftig blau-schwarz.

Bei all diesen Bildern kommt zwangsläufig meine Fantasie ins Spiel. Wenn ich mir etwas so lebhaft, tiefgreifend und berührend vorstellen kann, dann besteht gemäß meiner Vorstellung auch die Chance, dass ich es genau so oder ähnlich nach meinem Tod erleben werde.

Ja zum Leben – Ja zum Tod

Um nicht missverstanden zu werden: Mir geht es nicht um eine Glorifizierung des Todes, um Todessehnsucht oder ähnlich düstere Phänomene. Gar nicht. Ich lebe gerne und freue mich über mein Leben. Niemand sollte leiden müssen und gerne hätte ich noch so manchen Zeitgenossen um mich, der oder die Midgard viel zu früh verlassen musste. Liebend gerne würde ich meine Kinder für immer beobachten, wobei das auch deren Tod mit einschließen würde. Also lieber doch nicht. Nein, es ist gut wie es ist. Alles ist endlich und unser Leben gewinnt mit dem unumgänglichen Tod an seinem Ende an Tiefsinn. Wie bereits erwähnt, gibt es viele Menschen, die zu früh gehen müssen und auch die Art des Sterbens ist etwas, das ängstigen kann. Diese Dinge liegen allerdings nur bedingt in unseren Händen. Frigg spinnt den Lebensfaden, der durch die Nornen Urd (Schicksal), Verdandi (das Werdende) und Skuld (Schuld – das, was sein soll) zum persönlichen Wyrd gesponnen wird. In dieser Art „Schicksal“ ist es an uns, herauszufinden, wo unsere Einflussnahme und die der Götter wirkt und wo sie endet.
Unsere Ahnen traten diese Reise oft mit Grabbeigaben an. Die Wohlhabenden bekamen Schmuck, Schwerter, Essen, Trinken und das Pferd mit auf den Weg. Menschen wurden, so erzählt es Einar Selvik (Wardruna), „hinüber gesungen“, was ich persönlich eine wunderschöne Vorstellung finde. Man geht seinen Weg, der Brücke über den Gjöll entgegen, begleitet von den Gesängen der Menschen, die bei einem sind. Wundervoll. Heute wird Menschen z.B. in Hospizen und Palliativstationen wieder vermehrt gesungen. Es beruhigt, wärmt und tröstet Sterbende aber auch jene, die einen Menschen gehen lassen müssen.

Frei von Schmerzen, mit einem erfüllten Leben hinter sich und den Liebsten neben sich, so würde ich mir den Antritt meiner letzten Reise wünschen. Bis dahin aber vergeht hoffentlich noch einige Zeit und ein schönes Leben.

 

Davon kommen Frauen,
vielwissende,
Drei aus dem See
dort unterm Wipfel.
Urd heißt die eine,
die andre Verdandi:
Sie schnitten Stäbe;
Skuld hieß die dritte.
Sie legten Lose,
das Leben bestimmten sie
Den Geschlechtern der Menschen,
das Schicksal verkündend.

(Völuspa, v. 20, Die Edda (Simrock 1876): Ältere Edda)

 

 

 

 

 

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