Die Donar-Eiche und das Denkmal von Fritzlar

Die Donar-Eiche war einst ein heidnisches Heiligtum, das in Geismar, einem Stadtteil der heutigen Stadt Fritzlar in Nordhessen, stand. Sie wurde vom germanischen Stamm der Chatten als eine dem Donar (Thor) geweihte Eiche verehrt. Deshalb fällte sie der christliche Missionar Wynfreth (Bonifatius) unter dem Schutz fränkischer Soldaten und vor den Augen vieler dort lebender Chatten. Dies geschah im Herbst des Jahres 723, in jener Jahreszeit also, in der die Früchte der Eiche ein letztes Mal ihre Reife erlangen sollten. Bonifatius sah den von den Heiden verehrten Baum lediglich als ein Götzenbild an, das gegen die zehn Gebote des Christentums verstieß. Aufgrund der militärischen Absicherung durch Soldaten war Bonifatius‘ Aktion wohl wenig gefährlich für ihn, zumal es sich bei Geismar um einen kleinen Bauern- und Handwerkerort handelte. Als Demütigung ließ er aus dem Holz der heiligen Eiche ein Oratorium (kapellenartiges Gebäude) bauen, an dessen Stelle sich heute angeblich der Fritzlarer Dom befindet.

Der Priester Willibald von Mainz schrieb von 754 bis 769 eine (ziemlich einseitige) Bio- und Hagiographie über Bonifatius, die sogenannte „Vita sancti Bonifatii“. Darin ist zu lesen und zu erkennen, in welchem Geiste man die Heiden damals sah:

   Viele der Hessen, die damals den katholischen Glauben anerkannt hatten, waren durch die Gnade des Heiligen Geistes bestätigt und erhielten die Handauflegung. Aber andere, noch nicht stark im Geiste, weigerten sich die reinen Lehren der Kirche in ihrer Gesamtheit zu akzeptieren. Darüber hinaus setzten einige heimlich, andere offen, die Opferbräuche an Bäumen und Quellen fort und inspizierten die Eingeweide von Opfern; einige praktizierten Weissagung, Zauberei und Beschwörungen; manche richteten ihre Aufmerksamkeit auf Auguren, Auspizien und andere Opferriten; während andere von einem vernünftigeren Charakter sich all dieser profanen Praktiken des Heidentums enthielten und keine dieser Verbrechen [sic!] begingen.

 

Bonifatius fällt die Donareiche. Farblithographie nach einem Gemälde von Heinrich Maria von Hess 1834/44 (gemeinfrei)

Es ist bezeichnend aber für die damalige Zeit auch wenig verwunderlich, dass man die Handlungen der Heiden wortwörtlich als „Verbrechen“ bezeichnete. Bonifatius hingegen wird seit dem 16. Jahrhundert von der katholischen Kirche sogar als „Apostel der Deutschen“ und von der Stadt Fritzlar heute als Stadtgründer verehrt.

Am Morgen des 5. Juni 754 oder 755 wurde Bonifatius auf einer Missionsreise in Friesland zusammen mit seinen Gefährten am Ufer des Flusses Boorne bei Dokkum von Heiden erschlagen.

Heutige Verehrung durch die Kirche

Für die Kirche mag Bonfiatius ein wichtiger Mann gewesen sein, der die Mitgliederzahlen (wie auch immer) deutlich nach oben schnellen ließ. Dass man ihn daher verehrt, ist aus Sicht der Kirche vielleicht noch nachvollziehbar. Bundesweit sind Krankenhäuser, Seniorenheime und leider auch Schulen nach ihm benannt.

Für mich definitiv nicht nachvollziehbar ist das Bonifatius-Denkmal in Fritzlar. Im Rahmen des 1275-jährigen Stadt-Jubiläums der Stadt Fritzlar, stiftete der örtliche Kulturverein dieses Denkmal, das im Jahr 1999 feierlich eingeweiht wurde. Geschaffen vom Stuttgarter Bildhauer Ubbo Enninga, zeigt es Bonifatius mit einer Axt in der Hand auf dem Stumpf der Donar-Eiche stehend. Eine Art Triumph-Bild, wie ich es kurz vor der Jahrtausendwende nicht mehr für möglich gehalten hätte.

Eine Büste oder eine normale Statue wäre an jener Stelle zwar auch nicht ganz einfach gewesen, aber die ausdrückliche Betonung der Zerstörung eines heiligen Ortes einer anders lebenden, glaubenden und handelnden Gemeinschaft, ist für mich wie ein Schlag ins Gesicht. Wir reden heutzutage viel über Diskriminierung von Gläubigen und von religiösen Gefühlen. Manches mag dabei übertrieben sein, aber in diesem Fall hat die Kirche demonstriert, wie wenig sie ihre Geschichte und die darin verehrten Personen hinterfragt und auch mal einem kritischen Blick unterzieht. Hier wurde einst aus Machtgier und Arroganz ein Baum gefällt, der für Menschen heilig und wichtig war. Menschen, die dort seit langer Zeit lebten und wohl auch opferten. Knapp 1300 Jahre später, in Zeiten, in denen die Kirche viel von Nächstenliebe und Toleranz spricht, wird dann ein solches Denkmal gesetzt. Das lässt einen durchaus sprachlos zurück.

 

Links: Das Bonifatius-Denkmal in Fritzlar zeigt Wynfreth mit Axt auf dem Stumpf der gefällten Donareiche. Rechts: Eine Platte auf dem Boden mit der Geschichte des Denkmals.
Heidnischer Protest

In den Jahren 2012, 2014 und 2016 organisierte Thomas Vömel (alias Voenix) Protest am Bonifatius-Denkmal in Fritzlar. Bis zu 200 Heiden folgten dem Aufruf und in der örtlichen Presse gab es zumindest anfangs eine Berichterstattung. Es wurde gesungen, geräuchert und geopfert und natürlich blieb es friedlich. Die schönen und versöhnungsstiftenden Ideen, vor Ort eine neue Eiche zu pflanzen und eine weitere Gedenktafel zu installieren, wurden allerdings seitens der Kirche abgelehnt. Ebenso wenig Verständnis zeigte der 2012 anwesende, damalige Vorsitzende des Fritzlarer Kulturvereins, Dr. Ulrich Skubella, der meinte, auf ihn wirke die Demo eher wie eine Selbstinszenierung.

2014 kam es sogar zur Beschädigung des Denkmals mit roter Farbe durch Unbekannte, was von den heidnischen Vereinen Celtoi e.V., Eldaring e.V., Verein für Germanisches Heidentum e.V., Wodans Erben e.V. und Asatru Schweiz richtigerweise entschieden verurteilt wurde, da Gewalt gegen Menschen und Sachen natürlich abzulehnen ist. Sitte, Brauchtum, Glaube und Religion sollten niemals zu Demütigung oder gar Gewalt führen. Leider zeigt sich die Kirche heutzutage auch in dieser Richtung wenig selbstkritisch.

 

 

 

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