„Dreizehnlinden“ von Friedrich Wilhelm Weber

Sachsen gegen Franken, Heidentum gegen Christentum: Geschichte vor Ort. „Dreizehnlinden“ aus dem Jahre 1878 von Friedrich Wilhelm Weber ist ein Epos, das über den finalen Kampf der heidnischen Sachsen gegen die christlichen Franken im Nethegau (Kreis Höxter) berichtet. Da die Hauptträger der christlichen Idee die Mönche sind, benannte Weber sein Werk nach dem fiktiven Kloster „Dreizehnlinden“, das durchaus als Anspielung auf das Kloster Corvey in Höxter verstanden werden darf. Friedrich Wilhelm Weber (geboren am 25. Dezember 1813 in Alhausen; gestorben am 5. April 1894 in Nieheim) war ein deutscher Arzt, Politiker und Dichter aus dem heutigen Kreis Höxter.

Erfundene Geschichte mit zum Teil realen Personen

Die Geschichte handelt vom heidnischen Sachsen Elmar, der die fränkische Christin Hildegunde liebt. Noch immer aber schwelt der tiefgreifende Sachsenkrieg zwischen den fränkischen Eroberern und den Sachsen, die das Blutgericht von Verden nicht vergessen haben. Hinzu kommt, dass Elmar von Gero, dem fränkischen Königsboten, fälschlicherweise der Brandstiftung beschuldigt wird, woraufhin er vom Grafen des Nethegaus für vogelfrei erklärt wird. Die Gelegenheit nutzt Gero, der auch Interesse an Hildegunde hegt, um Elmar mit einem vergifteten Pfeil zu attackieren. Um sein Leben ringend, findet dieser nun im Kloster „Dreizehnlinden“ Aufnahme und wird von Abt Warin (hat es wirklich gegeben), dem Prior und einem Mönch namens Beda gepflegt. Da das Fieber aber stetig steigt und die Mönche nicht weiter wissen, reist Beda zur weisen Wala ((Wala = in der germanischen Mythologie eine Seherin, Wahrsagerin, Hexe, Zauberin, Prophetin oder Schamanin), die öfter in diesem Epos vorkommt (u.a. wird ein Opferritual mit ihr beschrieben) und erhält von ihr einen Trank, mit dessen Hilfe Elmar wieder gesund wird.
Nach seiner Gesundung entsagt er nun, vom Prinzip der Gewaltlosigkeit überzeugt, seinem alten „kriegerischen“ Glauben, lässt sich taufen und gewinnt Hildegunde zur Frau. Ein Teil dieser Geschichte spielt auf der Iburg, einer ehemaligen Volks- und Fluchtburg der Sachsen. Zu meinem Besuch der Ruine habe ich hier etwas geschrieben.

Bemerkenswert unlogisch erscheinen mir in diesem Epos Ursache, Wirkung und Schlussfolgerung. Es waren schließlich die Franken, die mit Kreuz und Schwert das Blutvergießen begannen und den „kriegerischen“ Glauben der Sachsen bekämpften und blutig unterdrückten. Elmar schwört am Ende seinem Glauben ab, um den Glauben des Schwertes, der tausende Sachsen (seinen Landsleuten) das Leben kostete, anzunehmen, weil er vom Prinzip der Gewaltlosigkeit überzeugt wurde? Zudem rührt seine Heilung von den Heilkünsten der Wala her, was ihm aber vielleicht verschwiegen wurde.
Auch die schwierige Situation der Heirat wird wieder einmal bemüht. Wir kennen es bereits aus dem Lied „Herr Mannelig“, bzw. aus „Der Heiratsantrag des Bergtrolls“ (Schweden, 1877). Als Heide eine Christin zu heiraten (oder als Heidin einen Christen) war nicht möglich, bzw. gewollt. Stets reichten alle Bemühungen der Person des alten Glaubens nicht aus, solange sie nicht selbst auch Christ/Christin wurde. Und in manchen Fällen sollte sogar selbst das nicht reichen, wie uns die Sage der „Wichtelkirche“ lehrt.

Einerseits ist es natürlich immer höchst interessant, wenn große Dramen oder Sagen einen lokalen Bezug aufweisen und man der Geschichte sozusagen mit dem Fuße folgen kann. Andererseits ist es auch immer wieder ernüchternd und traurig, wie ähnlich und nur einen Sieger kennend diese Geschichten enden. Dennoch ist dieses Epos für mich etwas Besonderes. Es geht mir irgendwie sehr nah, wenn ich lese, wie die alte Drude spricht. Ob beim Opfer oder mit dem Mönch Beda: Ihren Sätzen liegt eine Traurigkeit inne, die mich berührt.

Beschreibung eines Opferrituals

Ich persönlich finde in diesem Epos die Person der „Swanahild“ (weise Wala) sehr interessant. Jene heidnische Priesterin der Sachsen, die in der Drudenhöhle bei Willebadessen gelebt haben soll. Zu meinem Besuch der Höhle und Opfersteine habe ich hier etwas geschrieben. Sie ist auch unter dem Namen „Weise Wala“ bekannt und findet so den Weg in Überlieferungen aus dem Volksmund. In Dreizehnlinden wird in Kapitel 5 „Am Opfersteine“ von einem ganzen Sonnenwendopfer mit ihr berichtet. Rührende Worte über eine greise Frau, die trotz Unterdrückung immer noch der alten Sitte die Treue hielt.

 

Aus dem Kapitel 5 „Am Opfersteine“:

„Lieblich war die Nacht, die kurze,
Vor dem Tag der Sonnenwende;
Auf der Iburg stumpfem Kegel
Flackerten die Opferbrände;

Auf der Iburg stumpfem Kegel
Hatten sich zum Balderfeste
Fromm geschart die Heidenleute,
Gaugenossen, fremde Gäste.

Unter Eichen auf dem Rasen
Stand der Opferstein, der graue,
Neben ihm mit blut’gem Messer
Eine riesenhafte Fraue:

Swanahild, die greise Drude,
Ihres Priesteramts zu walten,
Erzgegürtet; weißes Linnen
Floß um sie in reichen Falten.

Werinhard, der freie Bauer,
Nahm den Stahl aus ihren Händen;
Fulko, Schmied von Bodinkthorpe,
Wühlte schürend in den Bränden.

Und im breiten Kupferkessel
Auf des Herdes glühen Kohlen
Brodelte mit Lauch und Mistel
Das geweihte Opferfohlen:

Freies Tier des freien Waldes,
Das den Hals vor Pflug und Wagen
Nie gebeugt und dessen Rücken
Einen Reiter nie getragen.

Elmar, Herr vom Habichtshofe,
Blickte träumend in die Gluten;
Sah er, wie das Opferfüllen,
Auch das Sachsenroß verbluten?

Ehrfurchtsvoll und stumm im Kreise
Stand die Menge, nur ein Flüstern,
Nur ein Schauern in den Bäumen
Und der Flamme Sprühn und Knistern.

Godo kam, der Opferdiener,
Bester Fischer an der Nethe,
Zubenannt der krause Otter,
Weil sein Haar sich lockig drehte.

»Alles sicher«, sprach er leise,
»Ausgestellt sind rings die Wächter;
Stören wird die fromme Feier
Kein Verräter, kein Verächter.«

Dreimal dann mit nackten Füßen
Schritt die Priesterfrau, die hohe,
Um den Herd, und Segen sprechend
Warf sie Körner in die Lohe.

Und mit Donars Hammerzeichen
Spendend Kraft und Heil dem Sude,
Das Gesicht zum Nord gewendet,
Traurig ernst begann die Drude:

»Naht in Ehrfurcht, naht in Andacht,
Und was unhold, bleibe ferne;
Unsre Zeugen sind die Götter,
Stummer Wald und stille Sterne.

Fern sei jeder Ungezwagte;
Wollt ihr opfern, wollt ihr beten,
Reiner Hand und reinen Herzens
Sollt ihr vor die Ew’gen treten.

Balders Sterbetag zu feiern,
Sind wir an den Stein gekommen,
Ihm, dem Frömmsten, nachzutrauern,
Wohl geziemt es allen Frommen.

Seit ihn schlug sein blinder Bruder,
Ist des Tages Glanz verblichen,
Götterfriede, Menschenfriede
Aus der dunklen Weit gewichen.

Ahnt ihr, was der große Vater
Seinem vielbeweinten Toten,
Seinem Sohn, ins Ohr geflüstert,
Als die Scheiter ihn umlohten?

O es waren hohe Worte,
Hoffnungsreiche holde Laute,
Lichte Auferstehungsworte,
Die er tröstend ihm vertraute:

Seiner Wiederkehr Geheimnis
Aus dem Reich der Nimmersatten,
Wo in nebeldüstern Schluchten
Traurig gehn die bleichen Schatten.

Wann? Der Wala selbst verborgen
Blieb der große Tag der Sühne;
Zeit und Stunde kennt nur einer,
Er, der alte Himmelshüne.

Er nur weiß es, wann im Kampfe
Untergehn die hohen Götter,
Wann im Sturm vom Zeitenbaume
Wehn die herbstlich gelben Blätter;

Wann auf feuerfarbnen Rossen
Muspels Söhne nordwärts rennen,
Um mit ungeheurer Lohe
Erd‘ und Himmel zu verbrennen;

Um uralte Schuld zu rächen,
Daß im Frühlingsmorgenhauche
Jung und grün aus Wasserwogen
Eine neue Erde tauche,

Rings bewohnt von stillen Menschen,
Die mit Morgentau sich nähren:
Dann, so spricht die weise Wala,
Dann wird Balder wiederkehren;

Und der Niemalsausgesprochne,
Er, der Älteste der Alten,
Wird für immer aller Dinge,
Aller Menschen liebend walten.

Kam die Zeit, und ist der Weiße,
Den die Christen laut bekennen,
Den Allvaters Eingebornen
Und das Friedenskind sie nennen,

Ist er Balder? – O er brachte
Kampf und Krieg der Männererde!
Ist er Balder? – O er machte
Friedlos uns am eignen Herde!

Was wir sehn, ist Haß und Hader!
Vor den Fremden, unsern Schergen,
Muß sich selbst Gebet und Opfer
Scheu in tiefer Nacht verbergen.

Dennoch, mag die sonnenlose
Dunkle Zeit sich dunkler trüben,
Treu der Lehre, treu der Sitte
Laßt den Vaterbrauch uns üben.

Ihr mit Kranz und Binsenkörben,
Tretet in den Ring, ihr Kleinen;
Singt den Reim, wiewohl ihr heute
Klüger tätet, still zu weinen.

Dennoch singt; den jungen Nacken
Schmerzt noch nicht das Joch der Franken;
Singt, und mag es traurig lauten
Wie das Singen eines Kranken.«

Und die Knaben und die Mädchen
Huben an mit leiser Stimme:
»Schirm uns, Balder, weißer Balder,
Vor des Christengottes Grimme!

Komm zurück, du säumst so lange;
Sieh, wie Erd‘ und Himmel klagen!
Komm zurück mit deinem Frieden
Auf dem goldnen Sonnenwagen.

Weißer Balder, weiße Blumen,
Wie an Bach und Rain sie sprießen,
Weiß wie deine lichten Brauen,
Legen wir dir gern zu Füßen.

Sieh, wir geben, was wir haben:
Arm sind unsre Fruchtgefilde;
Laß Geringes dir genügen,
Weißer Balder, Gott der Milde;

Gott der Liebe, weißer Balder,
Neige hold dich unsern Grüßen.
Blumen, rein wie unsre Herzen,
Legen wir dir gern zu Füßen.«

Und den Opferstein umwandelnd
Warfen sie die heil’gen Kräuter,
Lichte Glocken, lichte Flocken,
Lichte Sterne auf die Scheiter.

Dann mit leisen Wispelworten
Nahm die Priesterin die Schale:
»Trinkt des weißen Gottes Minne,
Eh ihr hebt die Hand zum Mahle!«

Durch die Runde ging ein Raunen
Und gedämpftes Becherklirren,
Wie in herbstlich dürrem Rohre
Abendlüfte heimlich schwirren.

Und der krause Opferdiener,
Aus des Kessels weitem Bauche
Gab er jedem von dem Fleische,
Von der Mistel, von dem Lauche.

O es war kein Mahl der Freude!
Stets des Überfalls gewärtig
Saß die Schar der Ungetauften,
Stets zum Fliehn, zum Trotzen fertig,

Wölfen gleich, die tief im Walde
Hastig einen Raub verzehren
Und in jedem Blätterrauschen
Hund und Jäger kommen hören.

Sprach die Drude: »Dankt den Göttern,
Löscht die Glut und nehmt die Brände:
Dunkles brütet zwischen heute
Und der nächsten Sonnenwende“

Wer mag, kann das gesamte Epos hier kostenlos nachlesen.

 

Trauernde Frau mit Textauszug von "Dreizehnlinden"

 

 

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