In Ehrfurcht und Andacht: „Drudenhöhle“ und „Fauler Jäger“

Bei herrlich sonnigem Wetter machte ich mich Anfang Juli recht früh auf den Weg nach Willebadessen, um die dortige „Drudenhöhle“ und den „Faulen Jäger“ aufzusuchen. Früh, da der Wald zu diesem Zeitpunkt weniger besucht ist und die Morgenstimmung im Wald ohnehin eine Attraktion für sich darstellt.
Vorweg: Während meines gesamten Aufenthalts im Wald musste ich kaum Müll aufsammeln, was ich ziemlich toll fand.

Nach gut 20 minütigem, zügigen Fußmarsch vom nahegelegenen Parkplatz aus, erreichte ich über einen Trampelpfad mein Ziel: Den „Faulen Jäger“, ein Opferstein, und die „Drudenhöhle“, die sich unterhalb des Steins befindet.

Der „Faule Jäger“

Der „Faule Jäger“ ist ein imposanter, sechs Meter hoher und 24 Meter umfassender Sandsteinblock, der wohl früher als Opferstein genutzt wurde. Den Überlieferungen nach kamen hier die alten Sachsen zu bestimmten Zeiten aus der gesamten Umgebung zusammen und brachten ihre Opfer dar. Mit zunehmender Ausbreitung des Christentums endeten diese Opferfeste, da Karl der Schlächter es unter Androhung der Todesstrafe verboten hatte, heidnische Kulte zu praktizieren. Anfangs aber blieben noch viele Sachsen ihren alten Göttern treu und fanden sich zuweilen im heiligen Haine ein, um nach alter Sitte zu beten und zu opfern.
Die Erinnerung an Wodan ist in der Region übrigens ein Stück weit erhalten geblieben. Er ist hier u.a. als „Hakelbernd“ (altsächsisch „hakol-berand“, also „Mantelträger“) und natürlich als Anführer der „Wilden Jagd“ bekannt. Laut lokaler Überlieferungen muss ein in der Nähe vorüberziehender Wanderer, der sich vor dem schauerlichen Zuge der „Wilden Jagd“ schützen will, „Hallo, hallo, Wod, Wod, – Bergauf, Bergab, ein Mann in Not!“ rufen.

Eine Sage erzählt, der Stein solle den Namen „Fauler Jäger“ erhalten haben, weil sich dort ein sächsischer Wachposten vom Feinde überrumpeln ließ, da er zuvor eingeschlafen war.

Hier hielt ich nun einige Minuten inne, berührte, bewunderte und umlief den Stein, um dann den Abstieg zur „Drudenhöhle“ zu beginnen.

 

Sandsteinblock Fauler Jäger
Der „Faule Jäger“
Die „Drudenhöhle“

Die „Drudenhöhle“, auch als „Gertrudskammer“ bekannt, entstand durch Auswaschungen und Verwitterung aus dem Osning-Sandstein. Hier soll einst eine Drude, eine heidnische Priesterin der Sachsen, gelebt und gewirkt haben. Auf wiki-willebadessen.de heißt es dazu: In jenen Tagen, als unsere Vorfahren noch Heiden waren und ihrem Gott Wodan opferten, hauste in einer Höhle bei der Karlsschanze die Drude, von ihrem Hunde bewacht. An den Opfertagen übte sie das Priesteramt aus. Sie war in schnee-weißes Linnen gehüllt und opferte das geweihte Fohlen. Mit dem Blute segnete sie die Festgenossen, die von weit und breit hergekommen waren. Als sich hier in der Gegend das Christentum immer weiter ausbreitete und sich die Sachsen taufen ließen (lassen mussten, Anm. von mir), verließ sie mit ihrem Hunde die Drudenhöhle“.
Laut Volksmund war sie wohl auch unter dem Namen „Weise Wala“ (Wala = Begriff für eine Seherin, Wahrsagerin, Hexe, Zauberin, Prophetin oder Schamanin) bekannt und taucht in Friedrich Wilhelm Webers Epos „Dreizehnlinden“ als „Swanahild“ auf. Laut dem Verkehrsverein Willebadessen e.V. weist der Name „Drudenhöhle“ auf „die drei Truden“, „die drei Ewigen“ oder „drei Mütter“ (Literatur: H.Christoph Schöll, Die drei Ewigen, Diederichs Verlag, Jena, 1936). Für die Gertrudskammer als Aufenthaltsort von Gertrude, (die „Weise Wala“ als eine der drei Truden) soll auch der nördlich gelegene Hexenberg sprechen, vielleicht ein Frauenberg, das heißt eine Art Rückzugsgebiet der „Drei Ewigen“.

 

Drudenhöhle
Die „Drudenhöhle“ von unten

 

Der Fels der Höhle kann auch von oben begangen werden, was mit einer tollen Aussicht belohnt wird. Aber Vorsicht: Hier geht es steil in die Tiefe und es gibt keinerlei Sicherung oder Absperrung! Die Höhle selbst liegt unterhalb des „Faulen Jägers“ in östlicher Richtung und man muss einen recht steilen Abhang hinab und schließlich einen ebenso steilen Aufgang wieder hinauf, um zu diesem Felsvorsprung zu gelangen, der noch als Überrest der Höhle existiert. 

Einer Sage nach kann man hier alle 100 Jahre eine winzige blaue Blume im Schatten der Drudenhöhle finden, die den Weg in eine Schatzkammer Karls des Schlächters ermöglicht. Der glückliche Finder der Blume muss nur an den Eingang zur Schatzkammer klopfen und die die kaiserlichen Schätze sind sein. Doch verliert er die Blume im Inneren der Kammer, bleibt ihm der Ausgang für immer verborgen.

 

Oberhalb der Drudenhöhle
Das „Dach“ der „Drudenhöhle“ kann von oben begangen werden. Ein toller Ausblick wartet.

 

Blick in die Tiefe von oberhalb der Drudenhöhle
Blick hinab: Hier geht es steil hinunter und eine Sicherung gibt es nicht. Vorsicht mit Kindern und Hunden ist geboten.

 

Die „Weise Wala“ soll auch noch in Zeiten der fränkischen Besatzung und Unterdrückung die alte Sitte praktiziert haben. So wird in „Dreizehnlinden“ relativ ausführlich von einem Sonnenwendopfer auf der circa 18 Kilometer entfernt gelegenen Iburg erzählt, was zwar kein belegtes Ereignis darstellt, es allerdings in Form mündlicher Überlieferungen in das Epos von 1878 geschafft hat:

 

   Was wir sehn, ist Hass und Hader!
Vor den Fremden, unsern Schergen,
Muß sich selbst Gebet und Opfer
Scheu in tiefer Nacht verbergen.

Dennoch, mag die sonnenlose
Dunkle Zeit sich dunkler trüben,
Treu der Lehre, treu der Sitte
Laßt den Vaterbrauch uns üben.

-Dreizehnlinden

 

Auch ich hielt hier ein kleines Ritual mit Opfern für Wodan, Donar, Frigg, Saxnot und natürlich für die Wala ab. Ein sehr stiller Moment, der sich nach einer Weile einstellte. Keine Menschenseele war zu sehen oder zu hören und man hatte so die Gelegenheit zu erspüren und nachzuvollziehen, wie die Wala hier als Eremitin wohl einst lebte und opferte. Bei meinem Opferspruch orientierte ich mich am Text von „Dreizehnlinden“, den ich ein wenig abwandelte:

 

„Naht in Ehrfurcht, naht in Andacht,
Und was unhold, bleibe ferne;
Meine Zeugen sind die Götter,
Stummer Wald und unsichtbare Sterne.“


Stachelbeeren, Johannisbeeren und Lavendel aus dem eigenen Garten opferte ich und als Trankopfer gab es Bier. Als Rune wählte ich Raido, da die Wala hier wohl auch einst Pferde opferte und schließlich auf Reise gehen musste, als die Franken begannen, die alte Sitte brutalst zu unterdrücken. Möge es ihnen ein gutes Opfer gewesen sein.

Ich verblieb noch eine Weile bei der Höhle, um die friedliche Stimmung, die Stille und die herrliche Natur zu genießen und das Ritual noch etwas auf mich nachwirken zu lassen.

 

 

Opfergaben und Trinkhorn in der Drudenhöhle
Meine Opfergaben und Trinkhorn in der „Drudenhöhle“
Der „Kleine Herrgott“

Unweit der Höhle und des „Faulen Jägers“ befindet sich eine weitere ehemalige Opferstätte, an welcher Karl der Schlächter ein steinernes Kreuz aufstellen ließ. Man vermutet, dass die heute noch klar erkennbaren Steine Überreste dieses Kreuzes sind. Der Name „Kleiner Herrgott“ stammt dabei wohl von heidnischen Sachsen, die auf dem Weg zum Opfern ihrer großen Götter, wie Wodan oder Saxnot, oft an jenem Kreuz vorbeikamen und es „Kleiner Herrgott“ nannten.

 

Steinskulptur Kleiner Herrgott
„Kleiner Herrgott“. Das Schild besagt: „Kl. Herr Opferstein Sachs. Kultstätte“ (Foto: Tsungam, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International)
Die Behmburg

„Drudenhöhle“, „Fauler Jäger“ und „Kleiner Herrgott“ liegen übrigens innerhalb der ehemaligen doppelten Wallanlage „Behmburg“, die im 17. Jahrhundert durch den Paderborner Erzbischof Ferdinand Freiherr von Fürstenberg in Karlsschanze umbenannt wurde. Die Behmburg ist eine ehemalige sächsische Fliehburg und gehört zu den größten vorgeschichtlichen Burgen Westfalens. Die Wallanlagen haben eine Gesamtlänge von gut drei Kilometern und der bis zu vier Meter hohe Hauptwall umgibt die acht Hektar große Anlage und war ursprünglich von einer ebenso hohen Mauer gekrönt, deren Fundamente heute noch gut nachweisbar sind. Von der Bebauung selbst konnte leider nur wenig nachgewiesen werden (Senke des ehemaligen Brunnens z.B.), da seinerzeit viel mit Holz gebaut wurde. Die Behmburg wird auch als möglicher Standort der/einer Irminsul diskutiert.

 

Kartenzeichnung Behmburg Karlsschanze
Zeichnung der doppelten Wallanlage „Behmburg“ (wiki-willebadessen.de)

 

LIDAR-Aufnahme Behmburg Karlsschanze
Die Behmburg (1) in einer LIDAR-Aufnahme. Foto: Land NRW (Open Data).

 

Ein sehr interessantes und aufschlussreiches Buch zu diesem Ort ist Hubertus Hagemeiers „Karlsschanze – Drudenhöhle – Irminsul: Geschichte und Geschichten der Heimat“, zu dem hier HIER etwas geschrieben habe.

Begrifflichkeiten:

„Drude“ 

Eine „Drude“ (auch DrudTrut, männlich Drudner oder Trutner) ist im germanischen Kontext eigentlich als ein Wesen des Volksglaubens bekannt, welches sich nachts auf die Brust von Schlafenden setzt und Alpträume sowie Beklemmung und Atemnot verursacht. Diese Bezeichnung ist allerdings eher in Süddeutschland und Österreich verbreitet.
Weshalb hier im Volksmund, in Büchern und Überlieferungen der Begriff der „Drude“ für die sächsische Priesterin gewählt wurde, lässt sich nicht genau sagen. Manche machten aus der Drude auch eine Druidin, was allerdings wieder etwas anderes wäre. Denn dann hätte sie eine Keltin sein müssen.

„Weise Wala“

Unter einer „Wala“ versteht man in der germanischen Mythologie eine Seherin, Wahrsagerin, Hexe, Zauberin, Prophetin oder Schamanin. Im Altnordischen auch Völva genannt, waren sie wichtige Frauen für ihre Stämme und genossen hohes Ansehen. „Weise Wala“ würde demnach etwa „Weise Seherin“ bedeuten und somit eher einem Titel als einem persönlichen Namen entsprechen.

 

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