Eine Behörde und ihre „Elfenbeauftragte“

Anfang August 2018 ging die Meldung durch die Presse, dass eine Straßenbaubehörde in Niedersachsen eine „Elfenbeauftragte“ und eine Tierkommunikatorin ergänzend zu konventionellen Mitteln der Unfall-Prophylaxe eingesetzt habe, um den hohen Unfallzahlen auf der A2 entgegenzuwirken. Friedhelm Fischer, Chef der Landesstraßenbaubehörde Hannover, sagte dazu: „Wir sind eine offene Behörde, die allen Bürgern gerecht werden möchte und viele Aktivitäten unterstützt“. Er selbst sei ja eher ein wissenschaftlich-skeptischer Typ, sagte er. Zitat: „Ich könnte so etwas nicht, aber wenn die Frauen glauben, mit ihren Kräften etwas bewirken zu können, unterstützen wir das.“

 

Symbolbild Unfall auf Autobahn

 

Eine mutige und entspannte Einstellung zur Sache, die zudem nicht mal etwas gekostet hat, da man die ganze Aktion mit einer ohnehin anstehenden Streckenkontrollfahrt kombiniert hatte.

Alles gut also? Eigentlich schon, wären da nicht die Häme und der Spott, den die „Elfenberaterin“ Melanie Rüter und die Tierkommunikatorin Marion Lindhof für ihren Dienst zu spüren bekamen. Die Medien nahmen die Story dankend auf und die Reaktionen in den sozialen Medien ließen auch nicht lange auf sich warten. In Zeiten der Unkultur, der Hass-Postings und der nicht nur durch das Wetter aufgeheizten Stimmung blieb es wohl nicht bei süffisanten oder den üblichen sarkastischen Kommentaren. Es wurde nach Aussage der beiden Damen noch schlimmer. Destruktiv ist eben so herrlich einfach und man hat dieser Tage das Gefühl, dass die Mehrheit diesen Weg nur zu gerne geht.

Während der EM 2016 und der WM 2018 fand man die Isländer noch so sympathisch, ahmte unoriginell ihre „Huh!“-Rufe nach und fand die Tatsache, dass es dort eine Art „Elfenbeauftragte“ (Erla Stefánsdóttir) gab, „total niedlich“. Erla Stefánsdóttir, die 2015 verstarb, wurde bei örtlichen Bauprojekten zu Rate gezogen und manche Projekte wegen ihrer Einwände sogar gestoppt, auch wenn sie keine offizielle Funktion hatte. Das zeigt, welchen Stellenwert ihre Arbeit besaß. Es gehört zum isländischen Baugenehmigungsverfahren, zu prüfen, ob durch ein geplantes Bauvorhaben ein Kulturgut (z.B. eine Geländeformationen) beschädigt werden könnte, das von Elfen bewohnt wird. 

Nun hat eine deutsche Behörde mit dem oft abgesprochenen Mut und der Offenheit einen Versuch gewagt, der, das ist in Deutschland ja immer das oberste Kriterium, nicht mal etwas gekostet hat. Trotzdem wird zerrissen, virtuell gejohlt und sich lustig gemacht. Auch das niedersächsische Verkehrsministerium gibt sich inzwischen sauer und betont, man werde sicherstellen, dass sich ein „derartiger Vorfall nicht wiederholt“. Dabei wäre es so einfach: Wer nicht an den Erfolg dieser Aktion glaubt, könnte sie, wie Friedhelm Fischer, einfach mal tolerieren oder zumindest gelassen ignorieren.

Melanie Rüter und Marion Lindhof haben nun die Reißleine gezogen, da sie von der Sensationslust und der mangelnden ernsthaften Berichterstattung enttäuscht sind. Zu lesen auf ihren Blogs hier (Beitrag wurde gelöscht) und hier.

Was bleibt, ist die erneute Erkenntnis, dass die sozialen Netzwerke oftmals ein Raum der (Selbst)-Täuschung, der Lügen und der Unehrlichkeit sind. Millionen Menschen klicken und teilen Bildchen mit klugen Sprüchen und Binsenweisheiten, die durchaus zurecht das Anderssein als etwas Positives darstellen. „Ich bin so verrückt, mir doch egal, was der Rest denkt“ steht da als Quintessenz. Scheinbar bleibt das auf die sozialen Netzwerke beschränkt und wird anderen offenbar nicht zugestanden.
Viele Menschen hätten sich von einer verständnisvolleren, wärmeren Seite zeigen können und diesem Land damit einen kleinen Gefallen tun können. Aber die Reflexe waren wieder einmal die gleichen wie eh und je und der nächste „Vorfall“ wartet sicher schon darauf, „zerrissen“ zu werden. Schade…

 

4 Gedanken zu „Eine Behörde und ihre „Elfenbeauftragte“

    1. Liebe Frau Lindhof,
      sie haben meinen Respekt und meine Dankbarkeit für Ihre Tat(en).
      Lassen Sie sich bitte von der Intoleranz und der Häme nicht entmutigen ❤

  1. Hallo und einen schönen Tag allerseits!

    Ich selber praktiziere Schamanismus und habe eine spezielle Verbindung zum Feenvolk. Deswegen habe ich das Geschehen um die A2 in den letzten Tagen mitverfolgt und mich auch an diversen Diskussionen in den Kommentarfunktionen beteiligt. Es stimmt rundum wie im Blogbeitrag beschrieben: der einfach nur schadenfrohen, plumpen und zerstörerischen Häme der meisten Schreiber ist selbst mit guten und klaren Argumenten nicht beizukommen. Für diejenigen, die mit Herzblut mit den Naturgeistern arbeiten, ist das einfach nur eine Qual, und ich kann gut verstehen, dass die beiden Damen das Handtuch geworfen haben. Mir wurde es gestern nach dem x-ten dummdreisten Kommentar auch zu blöd.

    Aber: Trotz des Mediengezeters freue ich mich erstmal, dass das Thema überhaupt mal auf dem Tisch kommt. Ich habe oft gebetet, dass es in Deutschland wieder Elfenbeauftragte gibt, und jetzt wird jemand tatsächlich so genannt, ob ernsthaft oder sarkastisch ist jetzt vielleicht sogar zweitrangig. Ich weiß selber noch nicht, wie das sich weiter entwickeln könnte, aber ich halte die Medienpräsenz dieses Themas für eine Chance. Vielleicht gibt es da draußen Menschen mit Hirn, die Interesse am „Kleinen Volk“ bekommen. Vielleicht haben die, die auf Facebook islandfreundliche Meme teilen, aber hier Zeter und Mordio schreien, einfach nur Angst, ihr Weltbild könnte auseinanderfliegen. Und vielleicht haben wir (oder einige Wenige) die Chance, den Riß zwischen den Welten, der beiden Seiten weh tut, zu heilen oder zumindest ansatzweise zu kitten. Deswegen: macht bitte weiter! Diese Arbeit wird bitter benötigt.

    Grüßle,
    Matthias Riemerschmid

  2. Hallo alle zusammen,
    vielen Dank für die netten Worte.
    Es ist so schade, dass dieses Ereignis in eine völlig falsche Richtung ging.
    Wir haben es gerne getan, dieser Tag hat uns viel Freude bereitet. Was dann geschah war nicht mehr aufzuhalten und in der Tat ziemlich verdreht. Schade………
    Liebe Grüsse
    Melanie Rüter

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