Der Frau Holle-Teich

Nach einem schönen Wochenende auf der Jugendburg Ludwigstein, auf der wir mit zahlreichen Heiden Ostara 2019 feierten, ging es am Sonntagmorgen wieder nachhause. Nicht jedoch, ohne einen kleinen Abstecher zum nahe gelegenen Frau Holle-Teich zu machen. Die 15 Kilometer waren schnell gefahren und so kamen wir nach circa 20 Minuten an. Da sich direkt neben dem Teich ein Parkplatz befindet, ist man dann auch ruck zuck vor Ort.

Teich, Quelle und Statuen
Der Frau Holle-Teich. In der Bildmitte erkennt man die drei Meter hohe Holzstatue. Mehr als passend lag sogar im Mai noch etwas Schnee.

Der Frau Holle-Teich (früher auch „Hollenteich“) liegt im Werra-Meißner-Kreis in Nordhessen auf dem Hohen Meißner, einem Bergmassiv im Norden des Osthessischen Berglandes. Bekannt ist die Gegend als mögliche Heimat der Sagen und Märchen um die Frau Holle. Da der Teich bereits 1641 von Landgraf Hermann erwähnt wurde, ist eine Erfindung durch Schriftsteller*innen der Romantik ausgeschlossen. Frühe Funde wie Golddukaten aus der Zeit des Kaisers Domitian (81 bis 96 n.d.Z.) oder Feuersteingeräte aus der Steinzeit belegen, dass hier bereits vor sehr langer Zeit einiges los war. Natürlich besuchten auch die Brüder Grimm den Frau-Holle-Teich im frühen 19. Jahrhundert und erwähnten ihn in ihren „Deutschen Sagen“.

Der Teich selbst liegt, umwachsen von Rohrkolben, wie auf einer Lichtung zum angrenzenden Wald. Das sumpfige Ufer und die danebenliegende Moorwiese sind dabei manchmal tückisch und haben sicherlich schon manch einem nasse Füße bereitet. Früher soll hier sogar so manches Pferd versunken sein. Bei unserem Besuch fiel uns auch die wunderschöne Stille am Teich auf, die sicherlich auch der Lage im Naturschutzgebiet Meißner geschuldet ist. Der Teich speist sich aus Niederschlägen und seiner Quelle, dem „Godesborn“, die sich direkt im Teich befindet. Das Wort „Born“ kennen wir als Begriff für eine Quelle und bei „Gode“ wird man als Heide natürlich hellhörig. Ob es sich dabei allerdings um eine Ableitung vom urgermanischen „ǥuđa“ oder dem althochdeutschen „Gota“ für „Gott“ (Beispiel gotabetti = Götterbett) handelt, ist nicht überliefert. Eine „Götterquelle“ wäre hier vom Namen her aber sicherlich nicht undenkbar.

Am Rande des Teiches stehen zwei Holle-Statuen aus Holz. Direkt ins Auge sticht die drei Meter hohe, 2004 aufgestellte Figur von Viktor Donhauser, die Frau Holle als junge Frau mit Kissen darstellt. Privat finanziert, rief sie einige Diskussionen hervor, da sie zu modern und „sexy“ aussehe. Ich finde sie zwar auch recht modern, aber wie eine Barbie sieht sie meiner Meinung nach nun auch nicht aus. Sie wurde angeblich deshalb als junge Frau dargestellt, weil die Sagen um Frau Holle älter sind, als Grimms Märchen, in denen sie als ältere Frau erscheint. Dass die Statue auch schon beschädigt wurde, ist sehr zu bedauern aber heutzutage leider wenig überraschend.

Richtung Wald gelegen befindet sich zudem noch eine weitere, kleinere Holle-Statue, die ein Waldarbeiter namens Ferdinand Urff im Jahr 2001 mit einer Motorsäge geschaffen hat.

Frau Holle
Die Frau Holle-Statue von 2004.

Würde ich alles über Frau Holle zusammentragen und niederschreiben, käme wohl ein sehr dickes Buch dabei heraus. Da es diese Bücher aber schon gibt und Gunivortus Goos gerade an einem neuen Buch über Frau Holle arbeitet, das mit Sicherheit sehr lesenswert sein wird, möchte ich es bei einem groben Überblick mit regionalem Bezug belassen.
Neben den bekannten Märchen der Brüder Grimm über Frau Holle, Pechmarie und Goldmarie, ist Frau Holle sehr viel mehr als nur eine Märchengestalt. Sie wird als große regionale Verkörperung einer uralten Schöpfergöttin gesehen. Diese Schöpfergöttinnen finden sich an vielen Orten unter verschiedenen Namen, wie etwa Frau Percht, bzw. Perchta im Süden Deutschlands. Die  Germanistin Erika Timm vermutet, dass Holle (in etwa: die Huldvolle) ein Namenszusatz der Frigg gewesen sei, der sich im Laufe der Zeit und infolge der Christianisierung verselbständigt habe. Schriftliche Spuren lassen sich jedenfalls gut 1000 Jahre zurückverfolgen. In spätmittelalterlichen Schriftquellen begegnet man dem Namen Holle mindestens zehnmal, wobei der Name auch mit Percht oder Diana gleichgesetzt wird. (vgl. Andrea Jakob, Wer war Frau Holle? In. Frau Holle: Mythos, Märchen und Brauch in Thüringen, S. 78/79). So zum Bespiel in den Dekreten „Decretorum libri Burchardi“ des Bischofs von Worms (Burchard von Worms) aus den Jahren 1008 bis 1012. Diese Dekrete waren kirchliche Anweisungen für Priester im Umgang mit Angehörigen der oftmals noch jungen christlichen Gemeinden. Dort heißt es: „Diese sollen gefragt werden, ob sie glauben (oder wissen), dass es Frauen gäbe, die mit einer Schar in Frauengestalt verwandter Dämonen – die die Dummheit des Volkes Holle nennt – in bestimmten Nächten auf bestimmten Tieren zu reiten und in die Schar dieser Dämonen aufgenommen zu werden. […] in nächtlichen Stunden mit der heidnischen Göttin Diana und mit einer ungezählten Menge von Frauen auf bestimmten Tieren zu reiten, um viele Länder der Erde in stiller, tiefer, unheimlicher Nacht zu durchqueren. (zitiert nach Wolfgang Schild: Holda zwischen und jenseits von Göttin und Hexengestalt. In: Frau Holle: Mythos, Märchen und Brauch in Thüringen, S.46; Original der Handschrift UB Freiburg HS 311 olim 7). Dieser Auszug spricht wohl für sich.

Die Frau Holle-Statue von 2001. (CC BY-SA 3.0, Markus Goebel)

Der Sage nach ist Frau Holle als Schöpfergöttin natürlich für das Leben zuständig und so kommen auch die Neugeborenen aus dem Frau Holle-Teich. Das Schilf, das aus dem Wasser ragt, wurde als Haar der Ungeborenen gesehen und beim Erblicken des eigenen Spiegelbildes auf der Wasseroberfläche rief man: „Das sind die Kinder der Frau Holle“. Ein Bad im Holle-Teich galt somit für junge Frauen seit jeher als fruchtbarkeitsfördernd. Aber auch die Seelen der Verstorbenen gehen zurück zur Holle, die in ihrem silbernem Schloss mit Garten und vielen Blumen sowie Obst und Gemüse, das sie gerne verteilt, in der Unterwelt weilt. Der endlos tiefe Teich ist sozusagen Ein- bzw. Ausgang.

„Jährlich geht sie im Land um und verleiht den Äckern Fruchtbarkeit, aber auch erschreckt sie die Leute, wenn sie durch den Wald fährt, an der Spitze des wütenden Heers. Bald zeigt sie sich als eine schöne weiße Frau in oder auf der Mitte des Teiches, bald ist sie unsichtbar, und man hört bloß aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen“ heißt es in „Deutsche Sagen“, Jacob Grimm, Wilhelm Grimm (Brüder Grimm), Kassel 1816/18, Nr. 4.

Unser Besuch

Als wir vor Ort waren, die Ruhe und die eiskalte, klare Luft genossen, war das schon ein beeindruckender Augenblick. Es war, außer einigem Vogelgezwitscher, wirklich nichts zu hören. Völlige Stille umgab den Teich und auch wenn einige Autos auf dem Parkplatz standen, so war weit und breit keine Menschenseele zu sehen. Wir umliefen den Teich und fanden am nordwestlichen Ufer einen schönen, moosbewachsenen Steinhang, an dem wir uns einen Stein für unser Ritual aussuchten. Wir legten Othala aus Fundholz im Kreis aus Laub, sowie Hagalaz in Holz gebrannt nieder und sprachen zu Frau Holle und weiteren Göttern und Wesen des Ortes. Wir hielten inne und versuchten die Kraft, die lange Geschichte und Besonderheit dieses Ortes in uns aufzunehmen und wirken zu lassen. Die Vorstellung, dass hier unsere Ahnen schon aktiv waren, machte das Ganze noch greifbarer.

Dann ging es weiter gen Heimat, mit dem guten Gefühl im Herzen, einer der wichtigsten Göttinnen ein Ritual an ihrem Ort gewidmet zu haben. Einfach intensiv und sehr schön.

Viele weitere tolle Informationen über Orte, Mythen und Märchen von Frau Holle findet man übrigens auf der Webseite des Arbeits- und Forschungskreises zur Mythologie der Göttin Holle.

Othala und Hagalaz im Laubkreis bei unserem Ritual

 

 

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