Weda teere! – Heidnisches Sylt

Hört man den Namen „Sylt“, schießen den meisten Menschen wahrscheinlich eher Begriffe wie Porsche, Ferrari, Gucci und Gosch durch den Kopf als Gedanken über ein altes, heidnisches Sylt. Das ist zwar nachvollziehbar, aber eben nur ein Teil dessen, was Sylt ausmacht. Auch die sensationelle, einzigartige Naturlandschaft bestehend aus Nordseestrand, Wattenmeer, Dünen- und Heidelandschaft wartet auf einen sowie die gute Nordseeluft, malerische Friesen-Örtchen und, wenn man mag, endlose Stille.
Obwohl ich bereits oft auf Sylt war, hatte ich stets das schöne Gefühl, nicht alles zu kennen. Die Insel ist mit knapp 100 km² zwar die größte Nordseeinsel, jedoch merkt man recht schnell, dass man ruck zuck vom einen ans andere Ende der Insel gelangt. Dennoch gibt es immer noch Neues zu entdecken. Für mich waren das bei unserem diesjährigen Aufenthalt, neben der wunderschönen Natur, die ehemals heidnischen Orte sowie die Sagen und Mythen, die auf Sylt ihren Ursprung haben. Um drei heidnische Orte soll es in diesem Artikel gehen. Zu den Sagen und Mythen werde ich einen weiteren Artikel schreiben, da das Thema recht umfangreich ist.

Söl, die Friesen und das „Petermännchen“

Die Insel Sylt (friesisch Söl), die früher einmal viel größer war und deren Ortschaften, wie z.B. Westerland oder Rantum, einst dort lagen, wo heute tiefe Nordsee herrscht, wurde als Letzte der Nordseeinseln christianisiert. Die Friesen, die im 8. Jahrhundert aus ihrem ursprünglichen Siedlungsgebiet zwischen Nord-Holland und der Weser ins heutige Nordfriesland und somit auch nach Sylt kamen, waren größtenteils Fischer, die oft von Frühjahr bis Herbst auf See waren. Die Friesinnen waren starke Frauen, die während der Abwesenheit ihrer Männer nicht nur Haus und Hof zu verwalten hatten, sondern sich auch feindlicher Überfälle erwehren mussten und dies mitunter sehr erfolgreich taten.
Die Friesen waren Heiden, ihre Götter waren unter anderem Wodan (friesisch: Weda), Frija (Frigg) und Tor (Thor). Aufgrund der zahlreichen Grabhügel auf der Insel wurde Sylt auch „Insel der Toten“ genannt. An einigen dieser Hügel, die zum Teil auch Thingplätze waren, findet heute noch das Biikebrennen (Opferbrand) statt. Dieser heidnische Brauch, bei dem es sich um ein altes Wodan-Opfer handeln soll, hat sich früher terminlich am Mond orientiert und fällt nun auf den 21. Februar. Er wird auch in anderen nordfriesischen Ortschaften gepflegt.
Ein großes Feuer wird entzündet, mit dem man den Winter verabschiedet und Fruchtbarkeit und den Frühling beschwört. Früher schwenkte man Fackeln, tanzte um das Feuer und rief „Weda teere!“ oder „Wedke tiare!“ (Wodan zehre!) und bat um die Annahme des Opfers. 
Oft wird auch ein Fass oder eine Strohpuppe, das sogenannte „Petermännchen“ oder „Piddar“ mit verbrannt. Manche sehen darin eine Anspielung auf die Ablehnung des Papstes (Petrus-Amt) und des Christentums durch die Friesen, andere den personifizierten Winter. Die Kirche wollte das Fest natürlich verbieten, scheiterte jedoch an den hartnäckigen Friesen, die diesen Brauch nicht aufgeben wollten.
Die heidnische Sitte hielt sich lange auf der Insel und die Kirche hatte es schwer mit ihrer Mission, die im 11. Jahrhundert dann jedoch vergleichsweise späten Erfolg hatte. Von den damals errichteten Kirchen auf Sylt existiert heute keine mehr. Auch zahlte der Friese den berühmten „Zehnten“ (Abgabe an die Kirche) nur selten oder gar nicht und kirchlich ausgesprochene Strafen mussten erst vom Thing bestätigt werden, um Gültigkeit zu erlangen. Manch Pastor musste sich so dem Willen der bäuerlichen Friesen beugen.

Der Denghoog („Thinghügel“)

Als Zeuge der alten Zeit findet sich z. B. der Denghoog (Deng = Thing, Hoog = Hügel, also „Thinghügel“) in Wenningstedt, der früher noch von einem Kreis aus Findlingen umgeben war. Die Entstehung wurde nach Analyse der Funde auf 3200 bis 2800 v.d.Z. datiert und ist damit der Jungsteinzeit (Neolithikum) zuzuordnen. In diesem Großsteingrab fand man bei seiner Öffnung 1868 durch den Hamburger Geologen Ferdinand Wibel, Reste einer unverbrannten Leiche. Weitere Funde waren ein Rinderzahn, Gefäße, Scherben, Beile, Flach- und Hohlmeißel, 20 Feuersteinklingen, eine Schwefelkiesknolle zum Feuerschlagen, zwei kreisrunde, durchlochte Scheiben von 10 und 12 cm Durchmesser (sog. Scheibenkeulen) und sechs Bernsteinperlen. Überreste weiterer Bestattungen fanden sich über die ganze Kammer verstreut.
Beeindruckend ist auch die Tatsache, dass die Grabkammer nach der Öffnung aufgrund eines ausgeklügelten Drainagesystems völlig trocken war. Die Kammer selbst misst 3 x 5 Meter und ist zwischen 1,50 Meter und 1,90 Meter hoch. Gebaut ist sie aus Findlingen der vorletzten Eiszeit, die bis zu 18 Tonnen wiegen. Insgesamt eine echte Meisterleistung der damaligen Bauarbeiter.
Ursprünglich gelangte man über einen sechs Meter langen und einen Meter hohen und breiten, gepflasterten Gang in die Kammer. Heutzutage kann das Grab begangen und besichtigt werden und der Einstieg ist auch von oben möglich.

Aufgrund der Namensgebung geht man davon aus, dass an diesem Ort Thingversammlungen stattfanden. Auch eine Nutzung als Kultstätte ist sehr wahrscheinlich, da an den Tagen der Sonnenwende am 21. Dezember und 21. Juni die Sonne genau im Eingang zum Grab steht und hineinleuchtet.

 

Der Denghoog im trockenen Sommer
Der Denghoog im trockenen Sommer 2018.

 

Gangbau-Skizze des Denghoogs von Ferdinand Wibel (1869)
Der Gangbau des Denghoogs bei Wenningstedt am Sylt. Skizze von Ferdinand Wibel (1869). (gemeinfrei)

 

In der Grabkammer des Denghoogs
In der Grabkammer.

 

Blick aus der Grabkammer des Denghoogs
Blick aus der Grabkammer in den sechs Meter langen Ein- / Ausgang.

 

Bearbeiteter Wandstein des Denghoogs
Der einzige per Hand bearbeitete Stein steht direkt gegenüber des Ganges. Auf ihn fällt das Sonnenlicht am Tage der Sonnenwende.

 

Funde aus dem Großsteingrab Denghoog
Funde aus dem Großsteingrab Denghoog (Archäologisches Landesmuseum Schleswig-Holstein). Foto: Einsamer Schütze (CC BY-SA 3.0)

 

Modell des Großsteingrabs Denghoog
Modell des Großsteingrabs Denghoog (Archäologisches Landesmuseum Schleswig-Holstein). Foto: Einsamer Schütze (CC BY-SA 3.0)
Die Tinnum-Burg

Neben zahlreichen weiteren Grabhügeln, wie z.B. den Krockhoogern, ist die alte Ringwallanlage, die sogenannte Tinnum-Burg nahe der Ortschaft Tinnum, ein wirklich interessanter und geschichtsträchtiger Ort. Erbaut um die Zeitenwende und zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert erneut genutzt und weitergebaut (ein Erinnerungsstein besagt 9. – 10. Jahrhundert), wird die Anlage nach Grabungen 1870, 1948 und 1976 und detaillierter Analyse der Ergebnisse als lokale germanische Opfer- und Kultstätte gedeutet. Gleiches gilt für die heute nicht mehr existierende Archsum-Burg, die nicht weit entfernt lag und deren letzte Reste 1860 bei Arbeiten leider entfernt wurden. Auch in Rantum gab es eine Burg, die heute unter Dünensand liegen soll.
Die Tinnum-Burg hat zwei Eingänge und für die Zeit der erneuten Nutzung im 8. bis 10. Jahrhundert sind Sodenwandhäuser im Inneren der Anlage nachgewiesen. Der Durchmesser der Anlage beträgt 120 Meter, der Wall ist bis zu sieben Meter hoch und hat einen Umfang von ca. 440 Metern. Er wurde seinerzeit auf dem ursprünglichen Wall von vor ca. 2000 Jahren errichtet.
Das oben genannte Biikebrennen oder Biikefeuer findet auch hier noch jedes Jahr statt, wie man in diesem Video sehen kann.

 

Die Tinnum-Burg
Die Tinnum-Burg. Von außen recht unspektakulär und mehr einer Düne ähnelnd.

 

Blick in das Innere der Tinnum-Burg
Blick in das Innere der Tinnum-Burg. Zu besseren Ansicht und mangels Weitwinkel aus zwei Fotos zusammengefügt.

 

Erinnerungsstein an der Tinnum-Burg
Erinnerungsstein: „Tinnum-Burg. Anlage aus der Zeit vor Christi Geburt. Im 9. – 10. Jahrhundert wiederverwendet.“

 

Heidnisches Heiligtum in Keitum

Am Rande des malerischen Ortes Keitum steht die evangelische Kirche St. Severin auf dem höchsten Punkt des Sylter Geestkernes. Das Baudatum ist nicht genau bekannt, erstmals erwähnt wird die Kirche im Jahre 1240. Viel interessanter aber ist die Tatsache, an welcher Stelle sie gebaut wurde. Nämlich, wie oben erwähnt, auf dem örtlich höchsten Punkt. Gleiches taten bekanntlich bereits unsere Ahnen mit ihren Kult-, Opfer- und Thingstätten und so vermutet man zu recht schnell, dass hier einst ein heidnisches Heiligtum gestanden haben muss. Was allerdings genau hier stand und wem hier geopfert wurde, ist nicht bekannt. Man liest mehrfach von einem heidnischen Heiligtum, an dem den germanischen Götter geopfert wurde. Etwas konkreter habe ich bisher von einem Opferplatz für Wodan („Odinheiligtum“) oder für Frigg, bzw. Freya gelesen. 2018 habe ich den Ort dann selbst nach Hinweisen, wie z. B. Schautafeln oder auffälligen Objekten abgesucht, wobei mir ein großer, flacher Stein ins Auge fiel. Ein Schwellenstein, der heute als Brunnen fungiert und über den man auf der Internetseite der Kirchengemeinde St. Severin diese denkwürdigen Zeilen lesen kann: „Der Brunnenstein neben der Apsis ist vermutlich ein Kultstein aus dem vorchristlichen Heiligtum der Göttin Freya. […] Vermutlich wurde dieser Stein nach der Erbauung von St. Severin als „Fußabtreter“ genutzt, um das Abstreifen des „alten Glaubens“ zu symbolisieren.“
Dieser Stein wurde im Jahr 1991 bei Pflasterarbeiten als Schwellenstein vor der Nordtür wiederentdeckt. Weshalb man hier das Heiligtum mit Freya verbindet, lässt sich nicht sagen. Sollte in Überlieferungen die von den Friesen verehrte Frija genannt worden sein, wäre es wohl eher Frigg, der hier geopfert worden ist.

 

Der Schwellenstein an der Kirche Keitum
Der Schwellenstein. Vermutlich ein Kultstein aus dem vorchristlichen Heiligtum der Göttin Freya oder Frigg. Ein Metallschild besagt: „Dieser alte Schwellenstein von der Nordtür wurde bei der Umpflasterung 1991 wiedergefunden.“

 

Weitere Informationen über diese ehemalige Opferstätte waren bisher leider nicht zu bekommen. Lediglich die Tatsache, dass man die Kirche direkt auf ein heidnisches Heiligtum baute, ist sicher. Auch die Kirchengemeinde St. Severin bestätigt das.

 

Kirche St. Severin in Keitum
Die Kirche St. Severin in Keitum. Unten rechts im Bild: Der alte Opferstein.

 

Wie man sieht, hat Sylt einiges an geschichtsträchtigen Orten zu bieten und dabei sind die Sagen und Mythen selbst noch nicht einmal erzählt. Lange Zeit haben sich die freien Friesen gegen eine Vereinnahmung in religiöser und politischer Hinsicht gewehrt und waren somit als trotzige, freiheitsliebende Menschen bekannt. Ihr Wahlspruch „Lewwer duad üs Slaav“ (Lieber tot als Sklave) findet heute noch zahlreich Verwendung und ist vielerorts zu lesen. Nicht gerade unsympathisch, wie ich finde.

 

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