Mein Heidentum

In diesem Beitrag möchte ich versuchen, euch „mein Heidentum“ ein wenig vorzustellen. Sicherlich ein ambitioniertes Unterfangen. Weshalb? Weil das Heidentum so viele Spielarten, Facetten, Erlebnisse und Überlieferungen birgt, dass ich zum einen aufpassen muss, den roten Faden nicht zu verlieren und zum anderen, nichts zu vergessen. Zuviel Text sollte es allerdings auch nicht sein, denn ellenlange Texte mag am Ende kaum einer lesen.

Also versuchen wir es: Grundsätzlich sei erstmal gesagt, dass jeder Heide „sein Heidentum“ lebt. Ob in einer Gruppe, Blótgemeinschaft oder ganz allein, ob bei den Anrufungen der Götter und Wesen oder bei den Sumbelrunden für die Ahnen. Jeder hat seine Ansichten, Einordnungen, Praktiken und Rituale, was gut so ist. Wer hier urteilt und den persönlichen Weg anderer als „falsch“ brandmarkt, wird dem Heidentum meiner Meinung nach nicht gerecht. Sicher, manchmal kann man mit den Methoden und der Praxis anderer Heiden vielleicht nicht so viel anfangen. Es ist einem alles zu viel, zu wenig, zu bunt, zu leise, einfach zu anders, aber das hat nichts mit „richtig“ oder „falsch“ zu tun. Hier scheitert für mich auch immer das Vorhaben direkt im Ansatz, alle Heiden irgendwie „vereinen“ zu wollen. „Gemeinsam sind wir stark“ oder „zusammen erreichen wir mehr“, heißt es dann oft. Das mag ja sein, aber es geht für mich am Wesen des Heidentums vorbei. Heidentum hat mit Vielfalt, mit Toleranz und persönlichen Erfahrungen zu tun. Das lässt sich nicht in die eine und einzig richtige Form pressen. Aber ich schweife ab (was ich befürchtet hatte).

Wer oder was ist mir wichtig?

In meinem Heidentum spielen die Götter, die Wesen der Orte und die Ahnen die Hauptrollen. Die Götter (Odin/Wodan, Thor/Donar/Thunaer, Frigg/Frija, Tyr/Ziu/Sahsnot, Eira, etc.) rufe ich an, mit ihnen rede ich, sie bitte ich z.B. um Schutz, um Nähe oder um Gesundheit für mich und meine Familie. Eingebunden in ein festes Ritual, kann ich hier natürlich auch frei zu ihnen sprechen. Bei den Göttern sind für mich die nordische Mythologie aber auch die regionalen Gottheiten, bzw. ihre jeweilige Bezeichnung wichtig. So ist Odin auch Wodan oder Woden (der Allvater hat ohnehin sehr viele Namen), Thor ist Donar oder Thunaer, Frigg ist Frija und Tyr ist Ziu oder auch Sahsnot. Diese verschiedenen Namen für Gottheiten sind zum Teil belegt, zum Teil werden sie angenommen und ich habe mich diesen Annahmen angeschlossen.
Die Wesen der Orte spreche ich stets mit an, lade sie bei Ritualen ein und bitte sie, bestimmte Orte zu bewachen und/oder ihren guten Geist wirken zu lassen. Zu ihnen zähle ich das kleine Volk, also Korn- und Waldgeister, Landwichte
oder auch die Alben/Elfen. Sie alle zählen zur niederen Mythologie und stellen für mich u.a. den „guten Geist“ eines Ortes dar.
Den heidnischen und auch den blutsverwandten Ahnen gedenke ich oft und spreche sie ebenfalls immer mit an. Sie sind für mich das Wurzelwerk, die spürbaren Wege zurück. Sie lassen mich fühlen und erahnen, wie es einst zuging, wie sie lebten und opferten. Jene, die bereits auf den Wegen schritten, die ich heute gehe.
Schließlich gibt es noch lokale Figuren, wie z.B. die „weise Wala“, eine Drude (germanische Seherin und Schamanin), die an der Drudenhöhle bei Willebadessen gewirkt und geopfert haben soll. Die Überlieferungen, Mythen und Sagen zu ihnen sind mir wichtig, denn zum einen drohen sie in Vergessenheit zu geraten und zum anderen waren sie Teil der Glaubenswelt unserer Ahnen und sind somit auch Teil der meinigen.

Ihnen allen opfere ich.

Meine Anordnung / Wahrnehmung

Wo sind die Götter, die Wesen und die Ahnen beheimatet? Gleich vorweg: Ich weiß es nicht. Einar Selvik (Wardruna) sagte einmal sinngemäß, dass die Götter nicht „da oben“ seien, sondern überall alles göttlich sei und sie so überall zu finden seien. Dieser Sichtweise folgen viele Menschen, allerdings kann ich damit eher wenig anfangen. Die beseelte Natur existiert für mich in meinem Heidentum natürlich auch und das durch die Götter Geschaffene ist auch mir heilig. Keine Frage. Dennoch weise ich den Göttern einen Platz zu und der ist für mich nun mal „da oben“. Das hat nichts damit zu tun, dass man als Christ auch „den Gott im Himmel“ anbetet und man das evtl. durch seine christliche Sozialisation so in sich trägt. Vielmehr ist es das, was mich die Götter immer wieder spüren und erleben lässt: Der Blick gen Himmel.

Die konkrete Wahrnehmung findet bei mir vor allem durch drei Sinne statt: Sehen, Riechen und Hören.

Sehen: Der Himmel mit seinen Wolkenfiguren, gerne durch Sunna in fantastisches Licht getaucht oder auch einfach nur als purer, glutroter Horizont über dem weiten Land, versteht es immer wieder, mich einzufangen und komplett zu begeistern. Nicht selten halte ich an, halte inne und spüre einfach nur. Abschließend noch ein Foto (es sind Unmengen), das aber das Erlebte nicht im Ansatz speichern kann. Neben dem Himmelszelt können mich vor allem auch tiefe und stille Wälder, das weite Meer (egal ob aufbrausend oder still) oder die gigantischen Berge so berühren.

Riechen: Gerüche sind mir sehr wichtig. Bereits als Kind liebte ich den Duft des Waldes nach einem Regen. Später glaubte ich, meinen Geruchssinn dafür verloren zu haben, doch als ich im Jahr 2003 mit dem Rauchen aufhörte, kehrte dieser Sinn schlagartig zurück. Das machte mich wirklich überglücklich, denn auch heute noch genieße ich den Geruch von Blättern, Wiesen und feuchtem Waldboden. Gerade in meinem geliebten Herbst (mein Herbstgedicht). Aber natürlich haben alle Jahreszeiten ihre eindrucksvollen Gerüche. Also: Stehenbleiben, tief durchatmen, spüren. Für mich essentiell.

Hören: Die bereits erwähnte Stille im Wald oder die Küste mit ihren aufschlagenden, brechenden Wellen haben geradezu meditative Wirkung auf mich. Aber auch gute Musik, speziell Folk und Ambient, lassen mich in Stimmungen kommen, die mein Band zu den Göttern, Wesen und Ahnen festigen. Längere Musikstücke auch ohne Gesang, bereiten mir hier den Weg, mich fallen lassen zu können und einfach zu spüren.

All diese Sinneseindrücke lassen sich kombinieren und zusammengenommen führen sie mich zu göttlichen Erfahrungen.

Wenn ich die Götter nicht nur einfach spüren will, sondern zu ihnen spreche, geht das natürlich jederzeit. Dazu braucht es in meinem Heidentum keine minutenlange Meditation, die ohnehin oft eher zufällig passiert oder zumindest einer gewissen Stimmung bedarf, sondern ich kann sie direkt frei anrufen. Wenn ich die Götter der Asen und Wanen und den Allvater begrüße und ihnen Heil wünsche, geschieht das danach auch stets für die Wesen der Orte und die Ahnen. Die Götter wallen über mir, die Wesen der Orte umgeben mich, egal ob im Wald, auf dem Feld oder in der Stadt und die Ahnen weilen in Grund und Boden, tief im Schoß von Mutter Erde (Jörd). Dieses Bild hat sich für mich über die Jahre entwickelt und manifestiert. Es gleicht einer Algiz-Rune, an deren oberen Enden die Wege zu den Göttern führen. Ein Rad, das den Mittelteil der Rune umgibt und das für den Lebenslauf, das Jahresrad und auch für die mich stets umgebenden Wesen der Orte steht. Zwei „Füße“ am unteren Ende, die zum einen zu den heidnischen und zum anderen zu den blutsverwandten Ahnen führen. In der Mitte stehe ich. Nicht als Zentrum der Welt, aber als Zentrum meiner Welt. Nebenstehend eine Zeichnung von mir dazu.
Es geht bei dieser Darstellung nicht darum, ein ganzheitliches System abzubilden, sondern darum, die Bereiche und ihre Anordnung zu zeigen, die in meinem Alltag eine Rolle spielen. Ein Bild, über die Jahre gereift und nicht das Ergebnis eines „wie stelle ich mir das denn jetzt mal vor“-Malversuchs. Wichtige Elemente wie der Weltenbaum Yggdrasil, die drei Nornen, Hel, Jörmungandr, überhaupt die neun Welten fehlen nur scheinbar, denn wie bereits erwähnt, seht man hier nur das, was ich tagtäglich anspreche und dabei erlebe. Bei Blóts z.B. sähe dieses Bild natürlich wesentlich umfangreicher aus.

Auch die Tatsache, dass der Allvater extra genannt ist (man könnte ihn ja einfach unter den Asen führen), ist beabsichtigt. Für mich spielt er eine zentrale Rolle in meinem Leben und daher spreche ich ihn auch immer persönlich an. Alles in allem eine intime, persönliche Sichtweise, entnommen aus dem Alltag eines Heiden. Ohne jeden Anspruch auf Vollständigkeit oder gar Allgemeingültigkeit.

Meine Rituale

Es gibt zahlreiche Rituale und Opfer, die Heiden jedes Jahr feiern können und gerne halte ich in meinem Heidentum Rituale auch einfach so ab. Also ohne konkreten Bezug auf ein gewisses Datum, zum Stand des Mondes oder ähnlichem.
Was opfere ich? Das Wort Opfer klingt für viele Menschen oft erst einmal blutrünstig, nach Tod und Leid. Wenn man heute ein Opfer erbringen muss oder gar selbst zum Opfer wird, ist die Vorstellung darüber natürlich alles andere als positiv behaftet. Das Wort Opfer entstammt seiner Etymologie nach dem lateinischen Wort „offerre“, was „darbringen“ oder „schenken“ bedeutet. Das kommt meinem Verständnis dann auch sehr nahe, denn für mich handelt es sich um gerne gemachte Geschenke und Gaben von mir für die Götter, Wesen und Ahnen. Ich ehre sie, ich beschenke sie und erbitte auch etwas damit. Gesundheit, Nähe, Schutz, je nachdem, was gerade für mich oder meine Lieben wichtig und von Belang ist.
Dieses Opfer steht in der Tradition der früheren Opfer unserer Ahnen, ist aber natürlich neuzeitlich angepasst. Opferte man früher auch Tiere (Ziegen, Schafe, Rinder), so suche ich heute nach Dingen, die mir ähnlich wichtig sind oder in die ich Zeit und Herzblut investiert habe. Vor dem Winter ein Tier zu opfern war damals eine schwerwiegende Handlung, denn Fleisch und Fell konnte man selbst gut gebrauchen. Dennoch gab man es. In unserer heutigen Zeit ist da sicherlich mehr Symbolik enthalten, aber dennoch versuche ich immer von Wichtigem zu opfern, um die Bedeutsamkeit meines Anliegens/Rituals zu unterstreichen. Der liebste Single Malt, mühsam Gepflanztes aus dem eigenen Garten, selbst Gebasteltes oder Gemaltes (wenn die Kinder etwas geben möchten). Natürlich zieht das nicht die mitunter dramatischen Konsequenzen eines Verzichts auf einen Ziegenbock im 7. Jahrhundert nach sich aber es geht im Ansatz in diese Richtung.

Neben den besagten freien Ritualen gibt es natürlich auch viele feierliche Termine im Jahreskreis, von denen sich folgende für mich über die Jahre als wichtig herausgestellt haben: Das Julblót (Wintersonnenwende), das Frühjahrsblót (Ostara, Nerthus oder auch das Várblót zur Frühjahrs-Tagundnachtgleiche), das Mittsommerblót (Sommersonnenwende) und das Herbstblót (zur Herbst-Tagundnachtgleiche). Auch das Disenblót im Februar, das Sigrblót und das Ahnengedenken zum Winternächteblót, das mancher auch als „germanisches Halloween“ bezeichnet, sind schöne Feste. Das Ahnengedenken gewinnt für mich noch einmal dadurch, weil es in einer für mich sehr stimmungsvollen Zeit stattfindet.

Für die Vorweihnachtszeit habe ich das Väntljusstaken-Ritual aus Schweden für mich entdeckt. Ein Kerzen-Ritual, mit dem man feierlich die Rückkehr des Lichts erwartet und das zunehmend Freunde in Deutschland gewinnt. In der Julzeit selbst sind die Rauhnächte natürlich noch ein besonderer Zeitraum, den ich gerne für mich, meine Familie und die Götter, Wesen und Ahnen nutze. Ob Rituale, Räuchern oder Spiele, hier gibt es viele Dinge, die diese schöne Zeit besonders werden lassen.

Zusammenfassung

Soweit zu meinen Ansichten und meinem Alltag als Heide in meinem Heidentum. Bestimmt habe ich ganz viel vergessen und werde den Artikel noch hin und wieder etwas ergänzen. Im Großen und Ganzen aber ist das meine kleine Heiden-Welt, in der ich mich seit längerer Zeit so berührt und geborgen fühle. Keine Show, kein nach Außen tragen, kein Gehabe, sondern tief empfundenes Glück darüber, den Weg gefunden zu haben und angekommen zu sein, auch wenn die Reise noch nicht zu Ende ist.

Vielen Dank für Euer Interesse.

 

 

 

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