Odin statt Jesus?

Immer wieder stoße ich im Internet auf Werbung für Onlineshops (der Algorithmus funktioniert scheinbar doch noch nicht so tadellos), die T-Shirts, Aufkleber, Schilder, Tassen, Aschenbecher, Bieröffner und andere „passende“ Alltagsartikel mit markigen Sprüchen über das Heidentum/Asatru anbieten. Der „coolere“ und „härtere“ Glaube, kompromisslos, männlich und so romantisch. „Odin statt Jesus“ steht da oder ein Rabe ist zu sehen, der einen eucharistischen Fisch anknabbert. Offenbar beliebte Motive. Ich frage mich dann wirklich ernsthaft und schon länger: Wieso, weshalb, warum?

Was haben, um bei diesen beiden Beispielen zu bleiben, Jesus und die eucharistischen Fische mit mir und meinem Glauben, meinen Überzeugungen, Ritualen und Sitten zu tun? Jesus spielt in meinem ganz persönlichen Leben überhaupt keine Rolle, ebenso wenig die Bibel, Fischsymbole oder der Papst. Weshalb also muss ich dann Vergleiche anstellen? Vergleiche mit Göttern, Symbolen und Schriften, die mir doch wichtig, ja heilig sind. Wieso muss ich also etwas tragen oder zur Schau stellen, das in meinem Leben gar nicht von Belang ist? Einzig die Provokation und das Abholen einiger Schulterklopfer von „echten Wikinger-Kumpels“ scheint mir der Sinn darin zu sein.

 

Wer die anderen neben sich klein macht, ist nie groß.

Johann Gottfried Seume (Obloen I, 3)

Mal abgesehen vom mangelnden Respekt anderen Glaubensrichtungen gegenüber hat das mit Ehrung und Demut meinen Göttern gegenüber wenig zu tun. Indem ich fremde Gottheiten mit meinen Göttern vergleiche, hebe ich sie auf eine Ebene. Und: Bestätige ich für mich damit nicht auch eigentlich deren Existenz? Wenn Jesus für mich keine Rolle spielt und ich „Odin statt Jesus“ postuliere, sage ich doch nichts anderes als „Odin statt nichts“, was wenig Sinn macht. Ich kann nur etwas bevorzugen, wenn es eine Mehrzahl davon gibt. „Heimdall statt Loki“, „Frigg statt Freya“ oder „Balder statt Hödur“ wäre zwar auch albern, aber zumindest logisch.

Odin, der Göttervater (Wägner, Wilhelm, 1882, gemeinfrei)
Mangels passenden Bildes und weil ich kein Beispielbild für die genannten Sprüche einstellen wollte: Odin, der Göttervater (Wägner, Wilhelm, 1882, gemeinfrei)

Gerade die Wikinger, um mal beim Beispiel der „markigen Heiden“ zu bleiben, waren zudem in Glaubensfragen oftmals pragmatisch und tolerant. Zumindest, wenn man es im Kontext dieser Zeit betrachtet. In Ribe (Dänemark) lebten Christen und Heiden lange Zeit friedlich zusammen. Man ließ die „Christenmenschen“ Kirchen bauen und ihrem Glauben nachgehen. In Grabkleidung aus Wikinger-Schiffsgräbern und in Kleidung aus Grabkammern von Wikingerstätten fand man sogar eingewebte arabische Schriftzeichen. Bei unseren heidnischen Ahnen hier in der Mitte Deutschlands, die mir im Vergleich zu den Wikingern ohnehin immer etwas zu kurz kommen, lebten z.B. in Fritzlar Heiden und Christen zusammen, ehe Bonifatius den Frieden mit dem Fällen der Donareiche zerstörte.

Und ja, es gab auch sehr, sehr viel böses Blut, Gewalt, Leid und Tod, was uns Mahnung sein sollte. Denn auch heute gibt es Menschen, die meinen, Gottheiten oder einzelne Götter in ein Ranking stellen zu müssen oder einer ganzen Glaubensrichtung die Legitimation absprechen zu können. Aus diesem Grund wäre es toll und so wünschenswert, wenn sich einfach jeder um seinen Glauben, um seine Sitte kümmerte. Das Heidentum/Asatru besitzt ohnehin keinen missionierenden Charakter und Menschen sollten aus freien Stücken den Weg zu uns finden. Die Götter beim Namen zu nennen und das Heidentum im richtigen Moment ins Gespräch zu bringen, sind für mich der Weg, unsere Sitte nach außen zu vertreten und sichtbar zu machen. Ansonsten ist mir meine Verbindung zu den Göttern zu wichtig, zu innig und kostbar, um sie, am besten in Fraktur-Schrift, zu plakatieren und in ein zweifelhaftes Licht zu rücken.

 

 

Es gibt so viel zu fragen, zu lernen und zu wissen.

So viel zu ehren, zu opfern und zu bitten.

Und so viel zu trinken, zu singen und zu feiern.

Heil den Hohen!

 

 

6 Gedanken zu „Odin statt Jesus?

  1. Da sprichst du mir so sehr aus dem Herzen! Grad Menschen, die einen Glauben haben sollten nie Menschen herabwürdigen, die auch einen Glauben haben, nur halt nen anderen….
    Wenn überhaupt dürfte der Atheist über Gläubige schmunzeln. Wobei das auch nicht nett wäre… und ein nicht-glauben ja im Prinzip auch wieder ein Glaube ist 😂 ein Paradoxon 🤣

  2. Hallo,

    ein wichtiger Beitrag. Ich kann nur zustimmen, dass auch ich damit wenig anfangen kann. Der Spruch „Odin statt Jesus“ ist ziemlich bescheuert. Wie du gesagt hast, ist es völlig überflüssig, sich auf etwas zu beziehen, was eigentlich keine Bedeutung hat. Ich sehe das auch zuerst einmal als Ausdruck einer Subkultur, weniger als religiöses Bekenntnis. Das erinnert auch stark an neonazistische Kreise, wo ein starker Selbstdarstellungs- und Abgrenzungskult gepflegt wird durch T-Shirts, Symbole, Musik, Kleidung usw. Gerade in Foren usw. bin ich leider immer wieder auf solche Mentalitäten gestoßen.

    Natürlich ist es auch ein Mangel an Respekt gegenüber anderen Religionen. Ich weiß allerdings gar nicht, was viele Heiden gegen das Christentum haben. Klar, da gab es historisch einiges Leid, aber das ist Jahrhunderte zurück. Heute hat das Christentum doch vor allem noch Bedeutung als kulturelle Identität. Immer mehr Menschen wenden sich von den Kirchen ab, wohl auch von der christlichen Religion an sich. Europa wird zunehmend unchristlicher. Einen Boom erleben dagegen der Islam und ostasiatische Philosophien. Oder will jemand ernsthaft behaupten, das Christentum habe heute noch viel Macht über uns? Ich denke nicht.

    Was ich besonders negativ bei all dem sehe: Viele Heiden (oder Pseudo-Heiden) haben meines Erachtens kein Wissen über das Christentum. Das fängt schon an, wenn Jesus verspottet wird: „Ha! Du bist am Kreuz gestorben! Und sowas beten die Christen an? Wie dumm!“ Jesus ist aber nicht aus Schwäche gestorben, sondern er hat sich dem Neuen Testament nach freiwillig (!) all diesem Leiden unterworfen. Und wieso? Um die Welt/Menschheit zu erlösen! Man beachte auch: Christus kehrt wieder nach seinem Tod in voller Herrlichkeit. Das Ganze hat für mich starke Parallelen zum germanischen Heidentum: Würde jemand Balder als Idioten bezeichnen, weil er sich töten lässt? Balder stirbt, weil er sterben muss, das ist der Lauf der Dinge – und er kehrt wieder! Das Gleiche bei Wotan: Ist es Schwäche, wenn er ein Auge verliert und neun Nächte an einem Baum hängt? Nein, er machte dies auch zu einem bestimmten Zweck. Das ist vielen offenbar nicht bewusst, was ich schade finde. Wer also Jesus so abfällig behandelt, müsste einige Götter dann auf die gleiche Stufe stellen. (Dass Donar sich seinen Hammer klauen lässt, wirkt naiv betrachtet auch nicht so, als wäre der Gott so toll.)

    Ich persönlich sehe das Christentum da eh deutlich anders als viele Zeitgenossen. Man sollte bedenken, dass unser heutiges Christentum in Europa nicht mehr jene jüdische Lehre aus dem 1. Jahrhundert ist. Da hat sich viel getan: Jesus‘ Lehre hat sich ursprünglich nur an Juden gerichtet, bis schließlich mit Paulus und co. auch die Griechen Kleinasiens missioniert wurden. Da hatte sich die Lehre bereits verändert. Als das Christentum dann in Rom Fuß fasst, übernimmt es viele Elemente römischen und kleinasiatischen Heidentums. Als dann die Mission nach Germanien kommt, sickert da nochmals viel Heidentum ein. In meinen Augen ist unser heutiges (katholisches) Christentum sehr heidnisch, man denke etwa an den Marienkult, der keinerlei Grundlage in der Bibel besitzt. Ob ich gewisse Wesen jetzt Götter oder Heilige nenne, wenn sie die selben Funktionen haben, ist dann eigentlich egal. Persönlich sehe ich da mehr Gemeinsames als Trennendes, was Christentum und Heidentum angeht. Eine Ansicht, die allerdings nicht von vielen geteilt wird.

    Persönlich kann ich auch Heiden nur empfehlen, sich auch christliche Texte anzusehen. Gar nicht so uninteressant. Die Jesus-Gleichnisse etwa regen schon zum Nachdenken an.

    Liebe Grüße aus Schwaben

    Alex

    1. Hallo Alex!

      Danke für deinen ausführlichen und interessanten Kommentar. Wichtig bei der Thematik ist auch der Unterschied zwischen Menschen und Institutionen. Wenn Würdenträger der Kirche sich z.B. zu gesellschaftspolitischen Themen äußern, ist das mitnichten die Meinung aller Christen. Wenn es in den Kirchen schwerste Verbrechen gegen Schutzbedürftige gibt, sind das die Verbrechen einzelner Personen, die durch Strukturen innerhalb der Kirche begünstigt wurden. Es hat aber mit den Menschen, die im christlichen Glauben ihr Heil gefunden haben, nichts zu tun. So differenziert sollte man schon denken können.
      Umgekehrt ist es allerdings auch so, dass Heiden nicht gleich Satanisten, Nazis oder Hobby-Wikinger sind. Auch von kirchlicher Seite kommen heute noch abwertende Kommentare und nicht jeder Christ scheint die vielgepriesene Toleranz wirklich verinnerlicht zu haben. Das hält mich aber nicht davon ab, es besser zu machen. Ich bin jedem gegenüber tolerant, der mich toleriert. Ein altbewährtes Spiel, sehr einfach aber für viele Menschen offenbar eine echte Herausforderung.

      Zum Christentum heute und seinen Adaptionen: Die Kirche hat vieles an Bräuchen, Sitten und heiligen Orten vereinnahmt oder dies versucht. Dadurch finden sich vielerorts kultische Handlungen, die in der Bibel keine Grundlage finden (du erwähntest den Marienkult). Auch die Christianisierung fand natürlich nicht nur mit dem Schwert statt, sondern auch mit dem Reiz des Geldes und der Macht. Es ist eine komplexe Entwicklung, die rückblickend nur schwer zu entwirren ist. Uninteressant macht es sie allerdings nicht und man sollte immer daran interessiert, neues Wissen zu erlangen. Persönliche Bedeutung erlangt das Christentum für mich dadurch, bei allem Respekt, dennoch nicht.

      Liebe Grüße!

  3. Danke für deine rasche Rückmeldung!

    „Ich bin jedem gegenüber tolerant, der mich toleriert.“ Das ist eine gute Einstellung.

    Wobei ich noch etwas differenzieren möchte: So gerne ich auch mal in der Bibel lese, meine ich, wenn ich „Christentum“ sage, vor allem die religiösen Bräuche im Volk und nicht die offizielle Theologie/Praxis/Schriftgrundlage der Kirche. Und in diesem Sinne würde ich sagen, dass das Heidentum in ersterem fast ungebrochen weiterlebt, nur halt in einem etwas anderen Kontext. Aber gut, das kann man so oder so sehen.

    Ich bin leider auch kein Experte für die Christianisierung, du sagtest es ja selber: Das Ganze ist sehr komplex. Schade, dass das offenbar so ein Reizthema im gegenwärtigen Heidentum ist, wo die Fronten oft schnell verhärtet sind. Ich würde mir da oft mehr Aufgeschlossenheit/Diskussionsbereitschaft wünschen. Wobei ich mir persönlich denke: Wenn man seinen heidnischen Glauben ausleben will, kann einem das Christentum eigentlich egal sein. Wieso das vielen Heiden so wichtig ist, sich dagegen zu positionieren, ist mir ein Rätsel. Mit „Wer die anderen neben sich klein macht, ist nie groß“ hast du es ja schon auf den Punkt gebracht, wo das Problem liegt. Vor allem trifft der Spruch den Kern des Heidentums meines Erachtens überhaupt nicht, denn er suggeriert ja: Christen beten zu Jesus/Gott, Heiden eben zu Wotan. Das unterschlägt nur leider, dass Heiden nunmal viele Götter kennen und es jedem frei steht, wen er wie sehr verehrt. Da sieht man gar nicht, dass es zwei verschiedene religiöse Systeme sind. Unter dem Strich also nicht gerade gute PR.

    Abschließend möchte ich noch sagen, dass du einen schönen Blog hast. Gefällt mir. Ich werde immer mal wieder schauen, was es Neues gibt. 🙂

    Liebe Grüße

    Alex

    1. Wie man das Christentum definiert (Kirchen, Christen, Bräuche, etc.) ist natürlich immer eine subjektive Angelegenheit und am Ende machen alle Teile das Christentum aus. Dennoch ist der eine Teil nicht dafür verantwortlich, was ein anderer Teil tut oder sagt.

      Ich denke, dass Heidinnen und Heiden sich mehr auf ihre eigenen Bräuche und Sitten und deren weiterer Entwicklung konzentrieren sollten und sich nicht über die Ablehnung anderer Glaubensrichtungen definieren sollten. Auch wenn der Begriff „Heide“ in erster Linie einmal den Unglauben aus Sicht der Kirchen bedeutete, so ist er heute für mich die Definition von Erfüllung durch die alten Götter, Wesen, Ahnen, Bräuche und Sitten. Eine positive Definition für etwas und nicht dagegen.

      Vielen Dank für dein Lob! Freut mich.

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