Das „Odinsauge“ von Bad Lippspringe

Kleine Aussichtsplattform zum „Odinsauge“. Im Hintergrund das Kongresshaus Bad Lippspringe und rechts die Burgruine

Das „Odinsauge“ von Bad Lippspringe bezeichnet im Volksmund die Quelle des Flusses Lippe. Die Lippe ist ein 237 km langer Nebenfluss des Rheins in Nordrhein-Westfalen. Große Bereiche der Lippeauen sind noch relativ naturnah und stehen zum Glück nicht selten unter Naturschutz. Der Name der Lippe ist seit der (Spät-)Antike infolge der Expansion des Römischen Reichs in den germanischen Raum durch die zeitgenössischen Historiographen und Autoren (u.a. Tacitus) in der lateinischen Form Lupia und fontes Lupiae (Lippe, bzw. Quellen der Lippe) überliefert. An ihr befanden sich eine Reihe römischer Legionslager, da sie eine wichtige West-Ost-Verbindung für die Römer war. Für den Zeitraum von 496 bis 506 erscheint der Name beim Geographen von Ravenna (4,17) in der Form Lippa und in der folgenden früh- und hochmittelalterlichen Zeiten ist der Flussname eng mit zahlreichen an ihr gelegenen Ortsnamen verbunden, wie beispielsweise für das Jahr 780 für den Quellort Lippspringe der Beleg als „Lippiogyspringiae, curte in Saxonia“.

Das „Odinsauge“ von der Plattform aus fotografiert.

An jenem Ort, dem heutigen Bad Lippspringe im Kreis Paderborn, befindet sich die tiefblaue Quelle der Lippe mitten in der Stadt vor einer Burgruine am Rande des Arminiusparks. Sie tritt aus ca. 8 m Tiefe zu Tage und zählt mir einer Schüttung von etwa 740 Litern in der Sekunde zu den stärksten schüttenden Flussquellen in Deutschland. Diese Quelle wird im Volksmund auch das „Odinsauge“ von Bad Lippspringe genannt, da sich der Sage nach, der Allvater einst ein Auge ausriss und in die trockene Steppe der Sennelandschaft warf, um sie so mit Feuchtigkeit und blühendem Leben zu segnen. Roland Kirbach schreibt dazu in der ZEIT 1989: „Eines schönen Sommertags, kurz nach der Erschaffung der Welt, so wird erzählt, saß der germanische Göttervater Odin, auch Wotan genannt, auf dem Hohlen Stein bei Kohlstadt und schaute sich an, was getan war.. Er blickte in die weite Ebene der Senne, damals eine Sandwüste ohne Baum und Strauch und ohne Wasser. Hier müssten Menschen leben, dachte er. Aber die Ode würde ihnen keine Nahrung geben. Das soll ihn so tief bekümmert haben, dass er eines seiner Augen nahm und in weitem Schwung hinaus in die Sandwüste warf. Und siehe da, wo es niederfiel, sprudelte plötzlich eine Quelle, tiefblau wie das Auge des Göttervaters.“

Ich nehme an, dass mit „Kohlstadt“ der Ort Schlangen-Kohlstädt gemeint ist. In der Informationsreihe des Heimatvereins Bad Lippspringe e.V. vom Dezember 2014 gibt es zudem einen schönen Artikel von Gerhard Luetkemeier über das Odinsauge und die Frage, ob hier früher vielleicht einmal ein Heiligtum gestanden haben mag. So heißt es dort: „Stellt man sich das Areal der Lippequelle in germanischer Zeit unkultiviert und ohne Bebauung vor, müsste man sich Burgruine, Kongresshaus und Quellteich wegdenken. In der Fantasie entstünde ein Quellsumpf, der sich von der heutigen Jordanquelle bis zum Odinsauge erstreckt. Teils mit einem Erlen- und Eschenbruch bewaldet, dürfte der heutige Arminiuspark damals eine recht morastige Angelegenheit gewesen sein. Oberhalb des als mächtiger Quell hervortretenden Odinsauges erhob sich ein Hügel, auf dem seit dem Mittelalter die Burgruine steht. […] Wenn dies so war, müsste dieser Ort den alten Germanen, die Karl der Große später Sachsen nannte, heilig gewesen sein. Die Tatsache, dass sich die Sachsen nach einem unterworfenen Aufstand ausgerechnet hier im Jahr 776 zu einer Massentaufe versammelten, lässt vor diesem Hintergrund nachdenklich werden. […] Heutzutage ist das einstmals sprudelnde Odinsauge durch den Druck des darauf angestauten Teiches sicherlich weniger imposant als zur Sachsen- und Germanenzeit.“

Da es bei unseren Ahnen neben Berg-, Baum- und Feldkulten auch Quellenkulte gegeben hat (man weiß davon, da diese mittels Bußordnungen und Synodalbeschlüssen von kirchlicher Seite verboten wurden), ist es durchaus denkbar, dass dieser schöne Ort einst Kulten und Ritualen diente.

Im April 2003 hatte Bernhard Krewet in der Ausgabe 42 des Heimatvereins Bad Lippspringe ebenfalls über das Odinsauge geschrieben. Er führte an, dass die Sage in den Bad Lippspringer Nachrichten von den Pfahlbürgern Josef und Heinrich erzählt wurde. Dort lautete sie: „Odin, auch Wotan genannt, war der Höchste der germanischen Götter, mächtig, aber nicht allmächtig. Als Boten dienten ihm zwei Raben. Um Anteil am höchsten Wissen zu haben – durch Schmerz und Opfer – riss er sich ein Auge aus und warf es zur Erde. Dort entsprang eine starke Quelle, das Odinsauge und spendete den Menschen Wasser zum Trinken und für ihre Felder – ein Segen über alle Zeiten hinweg…“

Krewet legte dabei Wert darauf, dass Odin sein Auge nicht aus Freundlichkeit zu den Menschen opferte, um Ihnen die Landschaft mit Feuchtigkeit und blühendem Leben zu segnen, sondern ihm ging es um Anteil am Wissen, um das Schicksal der Welt und um Macht. Die Fruchtbarkeit des Landes also nur ein Nebeneffekt?

Eine abgewandelte Version der Sage in Form eines Bad Lippspringer Gedichts geht in eine ähnliche Richtung:

 

Es warf der Gott sein Auge in den Sand
Und als es da eine Quelle aufsprang
Segnend der Erde unfruchtbare Tage
Sah es bestürzt der Gott – er war der Gott
Die Raben trugen schon die Telegramme
Er wollte stark sein
Doch nur die Tränen bleiben nicht die Tat.

 

Schließlich findet man die Sage noch im Buch „Sagen und Legenden des Paderborner Landes“ der Dichterin Therese Pöhler aus Paderborn. Darin schreibt sie, dass Odin seiner Frau Freya (!) berichtet, dass die getreuen Haustenbecker sich bei ihm über ihre trockene Senne beklagt hätten und er daher ein Auge geopfert habe. „Und Freya erblickte da, wo das heutige Lippspringe liegt, den silbernen Teich und darin eine runde Stelle, die tief blaugrün leuchtete…“. Hierzu merkt Bernhard Krewet richtigerweise an, dass die Haustenbecker eigentlich ihren Haustenbach hatten und Haustenbeck erst 1659 gegründet wurde. Der Wissensdurst des Allvaters als Motiv wurde in dieser Erzählung ebenfalls aufgegeben.

Leider finden sich weder auf den Seiten des Heimatvereins, noch in anderen Quellen weiterführende Informationen zu den Ursprüngen dieser offenbar rein mündlich tradierten Sage vom „Odinsauge“ in Bad Lippspringe. Die Thematik selbst, den Verlust von Odins Auge, kennen wir sonst natürlich aus der Völuspá (als Walvaters Pfand bezeichnet) und aus der Gylfaginning (Gylfis Täuschung), die in den Eddas enthalten sind. Aus diesem Grunde wäre es sehr interessant, mehr über den Ursprung der hiesigen Sage erfahren zu können. Auch die Tatsache, dass es Odinsauge und nicht z.B. Wodansauge heißt, ist für die ehemals südgermanische Region bemerkenswert. Sollten sich mir in Zukunft neue Quellen auftun, werde ich diesen Artikel selbstverständlich ergänzen.

 

Das „Odinsauge“ vom Kongresshaus aus fotografiert. (CC BY-SA 4.0 Choffmann)

 

Infotafel zur Lippequelle vor Ort

 

 

 

 

 

 

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