Musik: Seidsang (Runahild)

Ziemlich genau ein Jahr nach Veröffentlichung des Albums „Seidrúnar“ (Oktober 2017) erfreut uns Brenda Dahl aka Runahild mit einem neuen Album. Auf „Seidsang“ (Seidr = altnordische Art der Zauberei und Sang für Gesang) erwarten uns zehn neue Lieder im klassischen Runahild-Stil, also mit Folk-Instrumenten wie Leier, Zither, Langeleik, Trommeln und ihrer wunderschönen Stimme. Musik, Texte, Instrumente, Fotos und Gestaltung hat Brenda dabei wieder komplett selbst übernommen. Einen weiteren Artikel von mir über Runahild könnt ihr übrigens hier lesen.

Die Inspirationen zum Album fand Runahild an verschiedenen Orten und in diversen Momenten. Der Titel des Albums, das Lied „Seidsang“, aber auch das Intro „Berkana“ erschienen ihr in einem Traum während ihrer Aufnahmen zum Vorgänger-Album „Seidrúnar“.

 

   Seidsang is dedicated to healing the sacred feminine energy, diving deep into the shadows of the subconscious guided only by the light of the moon and the stars to reveal the most hidden places within the soul, where some wounds remain open in need to be nurtured and healed…

Runahild

 

Brenda schreibt über ihr Album, dass „Seidsang“ der Heilung der heiligen weiblichen Energie gewidmet sei und tief in die Schatten des Unterbewusstseins tauche, nur durch das Licht des Mondes und der Sterne begleitet, um die verborgensten Orte der Seele zu offenbaren, an denen einige Wunden offen blieben, die gepflegt und geheilt werden müssen. Die harmonische, sanfte Musik und ihr leichter Gesang spiegeln diese Absicht wirklich wider. Das Album wirkt in Bezug auf die Vorgänger etwas ruhiger, sanfter und milder auf den Hörer. Zwar finden alle bekannten Instrumente ihren Weg auf den Langspieler, jedoch halten sich Trommeln und Rhythmus doch etwas zurück.

Albumcover zu Seidsang
«Seidsang» (2018)

Dass sich die Inspiration für weite Teile des Albums laut Runahild aus einer Vollmondnacht im November speist, klingt da nachvollziehbar. Nachdem die Feierlichkeiten zur „Nacht der Ahnen“ geendet hatten, ergaben sich ihr zahlreiche Ideen, Texte und Melodien, wie z.B. „Disir“, dem Aufruf an die weiblichen Ahnen, wie sie sagt. Mit „Vegvisir“ (der den Weg zeigt) wird auf eine Reflexion des inneren Selbst, das Chaos, der Sturm und die  Dunkelheit in einem angespielt. Inspiration lieferte hier ein Ausflug zum Leuchtturm bei Kråkenes an einem stürmischen Dezembertag. „Bortanfor Sløret“ (Hinter dem Schleier) beschreibt die Erfahrung, wie man nach traumatischen Erlebnissen, durch die man Teile seines Ichs verloren hat, mittels schamanischer Reisen jene Fragmente zurückholen und sich wieder „komplettieren“ und letztendlich heilen kann. Wohlgemerkt: Es handelt sich hierbei nicht um eine schamanische Anleitung, sondern um Erfahrungswerte, die Runahild mit diesem Lied teilt. In „Når Mørket Erindrer Lys“ (wenn sich die Dunkelheit an das Licht erinnert) bringt das Licht der Nacht die Erinnerung an den Tag und dem Sturm die Erinnerung an die Sonne. „Kvinnekraft“ (weibliche Energie) rührt aus dem Erlebnis in einem weiblichen Zirkel, dem Runahild beiwohnte und in dem es darum ging, ganz bei sich und dem Zirkel zu sein, ohne irgendein Urteil, Eifersucht oder Konkurrenz; niemand über oder unter einem. Wahre Schwesternschaft, eingebettet in Vertrauen und Offenheit. Auf einer Reise durch Nord-Norwegen zur Wintersonnenwende entstanden erste Ideen zu „Kvitbjarkan“ (weiße Birke). Während die Sonne es zu dieser Jahreszeit nie weit über den Horizont schafft, tanzen die Nordlichter und der Mond hellt die dunkle Schneelandschaft auf. Brenda sagt, die Nordlichter sind mit den tanzenden Geistern der Vorfahren verbunden, die uns ihren Segen geben. „Songane som Sildrer inn i Sjela“ (die Lieder fließen in der Seele) entstand bei improvisierten Aufnahmen mit einem guten Freund. Gemeinsam saß man an einem Fluss, der sich nach dem Winter wieder zu öffnen begann. Es klang ein wenig danach, als würde das Wasser nach der langen eisigen Zeit singen. Die Idee für ein Lied war geboren. Mit „Nornegaldr“ (Anrufung der Nornen) erreicht das Album dann das Ende (nur noch gefolgt vom Outro „Seidsang“). Für dieses Lied lieferte eine Utesitting-Zeremonie bei einer Vollmondnacht die Inspiration. Utesitting (sinngemäß: draußen sitzen) ist ein altes Ritual, das darin besteht, irgendwo in der Natur in der Stille von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang zu sitzen, mit der Welt der Geister zu verschmelzen und seine Seele zu öffnen, um von der unsichtbaren Welt geführt zu werden. In diesem Lied geht es darum, zur inneren Stärke aufzurufen, das eigene Schicksal voll und ganz zu stärken und es zu wagen, sein wahrhaftes Licht leuchten zu lassen.

In meinen Augen knüpft dieses dritte Album nahtlos an seine zwei tollen Vorgänger an und ist ein wirkliches tolles Stück Heiden-Folk geworden. Inspirierend, sanft, rhythmisch und weiblich.

Das Album könnt ihr euch hier kostenlos anhören.

01. Berkana 01:50
02. Disir 06:09
03. Vegvisir 05:54
04. Bortanfor Sløret 03:34
05. Når Mørket Erindrer Lys 04:53
06. Kvinnekraft 04:45
07. Kvitbjarkan 04:01
08. Songane som Sildrer inn i Sjela 04:35
09. Nornegaldr 09:00
10. Seidsang 05:06

 

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