SAXONES – Eine neue Geschichte der alten Sachsen

Am 23. Januar besuchte ich den Vortrag „SAXONES – Eine neue Geschichte der alten Sachsen“ im Widukind Museum in Enger. Den Vortrag hielt Dr. Babette Ludowici, Leiterin der Abteilung Archäologie am Landesmuseum Braunschweig und Kuratorin der Landesausstellung „SAXONES“ in Hannover und Braunschweig. Im Text zur Veranstaltung hieß es unter anderem:

„Noch im 4. Jh. war der Name „Saxones“ eine Bezeichnung für Piraten und Seeräuber. Erst seit dem 6. Jh. nennen historische Quellen aus dem Frankenreich auch damalige Bewohner des heutigen Niedersachsen und Westfalen „Saxones“, also „Sachsen“. Fassbar wird ihre Identität erst mit den Sachsenkriegen Karls des Großen. Mit Heinrich I. bestieg ein sächsischer Adeliger den fränkischen Thron und sein Sohn Otto I. wurde schließlich zum mächtigsten Mann in Europa. Im Kloster Corvey schrieb der Mönch Widukind die Geschichte der Sachsen im 10. Jh. und begründete so den Mythos.“

Vortrag und Erkenntnisse

Nachdem mir Freunde letztes Jahr bereits von der Ausstellung in Hannover berichtet hatten und ich schon etwas verärgert darüber war, dass ich keinen Besuch hatte einrichten können, schien mir das die ideale Möglichkeit zu sein, doch noch von der neuesten Forschung über die alten Sachsen zu erfahren. Natürlich ohne Fundstücke aber immerhin mit Informationen aus erster Hand.
Frau Ludowici hielt ihren circa 60 minütigen Vortrag „SAXONES – Eine neue Geschichte der alten Sachsen“ über eben jene heutigen Annahmen und lieferte einen groben Abriss über die zeitliche Entwicklung der Menschen und ihrem Umfeld während des ersten Jahrtausends in dieser Region (Niedersachsen, Westfalen und Lippe). Mich persönlich interessierten natürlich die religiösen Aspekte, auch wenn mir klar war, dass man wenig bis gar nichts über das religiöse Leben der Menschen aus dieser Zeit weiß. Leider hat sich an dieser Situation auch nichts geändert. Gegenstand der Archäologie sind heute hauptsächlich Funde damals gut betuchter, höhergestellter Sachsen. Das liegt einfach daran, dass diese Menschen aufgrund ihrer Stellung aufwendige Gräber und mitunter Grabbeigaben bekamen. Der gewöhnliche Bauer mit seiner Familie genoss solchen Luxus wohl kaum. Daher kann man aufgrund der Funde darauf schließen, dass es bei den Sachsen höhergestellte Personen gab (das hatte man bisher oft verneint) und dass die kleinen Gruppen und Verbände in denen sie lebten, ziemlich mobil waren. Sie begriffen sich selbst in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends auch nicht als Sachsen, sondern wurden von anderen Schreibern so genannt. Einige Sachsen dienten auch als Soldaten in der römischen Armee und reisten weit (Syrien, Schottland), um dann, gut entlohnt, kulturell bereichert und mit hohem Ansehen, zurückzukehren.

 

Zierknopf aus dem 7. Jahrhundert. Fundort: Enger

Die verschiedenen kleinen Gruppen der Sachsen und ihre Mobilität wurden von Frau Ludowici auch als mögliche Ursache für die Probleme Karls des Schlächters gesehen, die Sachsen ein für allemal zu besiegen. Über 30 Jahre flammten immer wieder Kämpfe auf, die von Widukind angeführt wurden. Ihre These: Die verschiedenen Gruppen mit ihren Anführern ließen sich nicht unter einen Hut bringen. Schloss Karl mit einem ein Abkommen, so hielt sich die benachbarte Sippe vielleicht schon nicht mehr daran, was jegliche Vereinbarung konterkarierte. Dem entgegen steht der Gedanke vom heldenhaften Kampf Widukinds mit den geeinten Sachsen gegen den militärisch überlegenen fränkischen Feind. Nicht allen der ca. 70 Zuhörer des Abends gefiel erstere These, und so kam es nach dem Vortrag zu einer ca. halbstündigen Fragerunde, die allerdings auch Lob und Anerkennung für die Arbeiten der Archäologin kannte.
Für mich steht am Ende die Erkenntnis, dass die Sachsen durchaus gesellschaftliche Stellungen (ausgedrückt durch Kleider, Schmuck, Gräber, etc.) kannten, wesentlich mobiler waren, als man das bislang annahm und dass wir von ihrem religiösen, kultischen Leben leider nicht wirklich etwas wissen. Eine Frau fragte in besagter Fragerunde auch konkret nach diesem Aspekt, der dann auch ebenso beantwortet wurde.

Unsere Quellen sind die der anderen: Ob Tacitus‘ „Germania“ oder die „Annalen des Fränkischen Reiches“: Immer mit dem Blick durch die Brille des anderen. Je nach Absicht und Wissensstand der Schreiber sind diese Aufzeichnungen allerdings keine objektiven Berichterstattungen, sondern liefern subjektive Blickwinkel auf Ereignisse einer Zeit, von der wir leider viel zu wenig wissen. So kennen wir zum Beispiel die Namen einiger heidnischer Gottheiten aus dem altsächsischen Taufgelöbnis, wo es heißt: „Ich schwöre allen Teufels-Werken und Worten ab, Thunaer und Wôden und Saxnôte und allen Dämonen, die ihre Genossen sind“. Hoffen wir, dass sich im Laufe der Jahre noch weitere Quellen zu diesem Thema auftun werden, woher auch immer sie kommen mögen.

Der Begleitband „SAXONES – Eine neue Geschichte der alten Sachsen“ zur Ausstellung, den ich mir seinerzeit bestellt hatte, ist aktuell übrigens ausverkauft. Eine wirklich schöne und informativ gestaltete Seite zur Ausstellung ist zudem www.saxones-togo.de. Ein Klick lohnt sich.

Das Widukind Museum in Enger

An dieser Stelle sei noch etwas zum Veranstaltungsort gesagt. Das kleine aber feine Widukind Museum im Zentrum von Enger ist für Interessierte altsächsischer Geschichte sicherlich einen Besuch wert. Freundlicherweise ließ mich der Herr an der Kasse einen Blick in den unteren Bereich des zu diesem Zeitpunkt eigentlich geschlossenen Museums werfen. Aus Zeitgründen konnte ich allerdings nicht alles in Ruhe ansehen und durchlesen, aber die Schautafeln und Funde (aus Deutschland und Dänemark) waren durchaus interessant. Da muss ich wohl nochmal hin.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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