Album-Review: Wardruna – „Kvitravn“

Nach einer coronabedingten Verzögerung erscheint „Kvitravn“ als fünftes Album von Wardruna nun endlich am 22.01.2021 auf Sony Music/Columbia Germany. Ursprünglich war der 5. Juni 2020 als Release-Termin geplant. So sollte auch die Tour mit der „Northern Night“ in Gelsenkirchen beginnen, die nun, mit Auftritten von Eivor und Lindy-Fay Hella, am 02. Mai 2021 stattfinden soll. So ist zumindest der aktuelle Stand im Januar 2021.
Bereits vor der Veröffentlichung des Albums konnte man sich drei Lieder (teils mit Video) zu Gemüte führen. Grá, Kvitravn und Andvevarljod machten das lange Warten etwas einfacher, steigerten jedoch zugleich auch die Neugier auf den Rest des Langspielers, denn alle drei Lieder waren in meinen Ohren wunderbare Musikstücke.

Einar Selvik (Foto: Arne Beck)

Mitte Dezember hatte ich das Privileg, an einer persönlichen Vorstellung des neuen Albums mit Einar Selvik teilnehmen zu können. In einer guten Stunde spielte er zwei neue Songs (Skalden-Versionen von „Munin“ und Andvevarljod), erklärte einige Dinge zum neuen Album und beantwortete grundsätzliche Fragen zu seiner Arbeit. Auf die Frage nach dem Entstehungsprozess von neuen Liedern sagte Einar, dass er viel in der Natur sei und bei Wanderungen Inspiration und Eingebungen finde. Aber auch die Abwesenheit von Natur, z.B. während Tourneen und Reisen in Städte und schließlich das Heimkommen seien prägende Momente und hätten Einfluss auf seine Musik. Unterm Strich sei das alles eine Art „Jagd nach Liedern“ für ihn.

Die Arbeit zum neuen Album „Kvitravn“ (weißer Rabe), übrigens der totemistische Künstlername von Einar Selvik, war nach der Runaljod-Trilogie auch eine Suche nach einer neuen Richtung. Das Album gehe mehr in die Tiefe, habe mehr Details und mehr Persönliches, so Einar. Der Rabe stehe zudem für den Bruch zwischen uns und der Natur, zwischen dem Leben und dem Tod. Wir Menschen hätten zunehmend die Heiligkeit der Natur vergessen, obwohl wir ein Teil von ihr seien und nicht ihr Herrscher. Auch wenn wir Letzteres immer wieder versuchten zu sein. Der weiße Rabe stehe, wie viele weiße Tiere in anderen Kulturkreisen weltweit, für Veränderung und werde in der animistischen Tradition als prophetischer, göttlicher Bote und Wächter angesehen.

Von instrumentaler Seite her gibt es auf dem neuen Album keine wirklich großen Neuheiten. Zwar kommen auch bislang nicht genutzte Instrumente zum Einsatz, diese stammen allerdings alle aus der gleichen Instrumenten-Familie und sind daher eher in Details zu unterscheiden. Zu hören sind Taglharpa, Kravik-Leier, Trossingen-Leier, Langeleik, Crwth, Ziegen-Horn, Sootharp, Flöte (Knochen und Holz), Moraharpa und Bronze-Leier. Die „Trossinger Leier“ ist aus deutscher Sicht interessant, da sie der sechssaitigen Leier aus einem alamannischen Adelsgrab des 6. Jahrhunderts aus Trossingen im Landkreis Tuttlingen nachempfunden ist.

Personell wird Einar Selvik wieder von Lindy-Fay Hella und Eilif Gundersen unterstützt, deren wichtige Arbeit und musikalisches Können er im Gespräch mehrfach unterstrich. Als Gast-Musiker darf man sich auf Ingebjørg Reinholdt, Kirsten Bråten Berg und Sigrid Berg freuen, die in Norwegen bekannt dafür sind, traditionelle norwegische Musik und Gesang aufzuführen und somit zu bewahren. Außerdem ist auf dem Album die außergewöhnliche Multi-Instrumentalistin Unni Løvlid zu hören.

 

   „Dieses Album macht deutlicher als je zuvor, was das ultimative Ziel und die Motivation für Wardruna von Beginn an gewesen ist – mit alten, aber immer noch relevanten Gedanken etwas Neues zu erschaffen.“ -Einar Selvik

 

Das Album startet mit „Synkverv“, einem Song, bei dem ein Reisender von einer Harfe in das Herz eines Berges gelockt wird. Darauf folgt das bereits bekannte „Kvitravn“, das, wie oben beschrieben, von einem weißen Raben handelt. Das Lied „Skugge“ (Schatten) erzählt, dass die Suche nach Antworten und der Wahrheit am Ende von Erfolg gekrönt sein kann. Danach berichtet „Grá“ (Grau) von der früheren Koexistenz von Mensch und Tier, die von Einvernehmlichkeit aber auch von Wachsamkeit geprägt ist und auch wieder sein sollte. In „Fylgjutal“, das im Mittelteil etwas an „Rotlaust Tre Fell“ erinnert, berichtet der Erzähler von persönlichen Schutzgeistern, den Fylgja. Das berührende „Munin“ (Erinnerung) ist einem der Raben Odins gewidmet und vielleicht bekommt Hugin (Gedanke) ja auf dem nächsten Album auch einen eigenen Song. Die Reise durch die Tierwelt geht weiter und bei „Kvit Hjort“ bekommen wir es mit einem weißen Hirsch zu tun. Wieder eines der besonderen Tiere in der nordischen Mythologie. „Viseveiding“ (Lieder-Jagd) beschreibt uns danach, wie die Lieder aus der Umgebung regelrecht erwachsen. Es scheint, als beschreibe Einar hier jenen oben genannten Prozess seines Songwritings. Als nächstes beschwört das langsame, leicht hypnotische „Ni“ (Neun) ein Ritual, ähnlich, wie das darauffolgende „Vindavlarljod“ (Lied der Windgezüchteten), das wir bereits als Skalden-Version „Vindavla“ (Windgezüchtet) vom Vorgängeralbum „Skald“ kennen. Abschluss und Höhepunkt bildet das zehnminütige und echt beeindruckende „Andvevarljod“ (Lied der Schicksalsweberinnen), das den Nornen, den Schicksalsfrauen in der nordisch-germanischen Mythologie, gewidmet ist. Hier kommt auch der traditionelle norwegische Chor wundervoll zur Geltung.

Insgesamt merkt man, dass Einar mit der Musik stets weiter wächst. Natürlich bin ich Fan und mag alle Alben, die er bislang mit Wardruna veröffentlicht hat. Es ist mir nicht möglich, Favoriten aus der bisherigen Diskographie zu benennen, da jedes Album seine ganz eigene und besondere Stimmung vermittelt. „Kvitravn“ hat mich allerdings schon tief beeindruckt, denn die Musik ist trotz limitierter Instrumente noch vielschichtiger und zugleich reifer geworden. Mächtig, tragend, stellenweise düster und mit durchaus melancholischen Parts fasst es einen direkt an. Mit zunehmendem Erfolg und deutlich mehr gespielten Konzerten steigen offenbar auch die musikalischen Möglichkeiten und das merkt man diesem Album an. Beachtlich: Alle Texte auf „Kvitravn“ stammen von Einar, die Musik schrieb er zusammen mit Lindy-Fay Hella und spielte alle Instrumente selbst ein bis auf die Neverlur (Birkentrompete), die von Eilif Gundersen gespielt wurde. 

Mit einer Spielzeit von gut einer Stunde kann man sich gelassen und ausgiebig dieser wundervollen musikalischen Reise durch Schatten, Geistertiere, Rituale, Natur und Animismus hingeben. Höhepunkte sind für mich „Kvitravn“, „Fylgjutal“, „Munin“, „Vindavlarljod“ und „Andvevarljod“, wobei sich diese Aussage gegenüber den anderen Songs etwas ungerecht anfühlt.

 

   „ Kvitravn ist von mündlichen Traditionen, von einer mündlichen Kultur inspiriert. In einer mündlichen Gesellschaft hatten Worte, Dichtung und auch die Runen, in denen sie niedergeschrieben wurden, eine große Macht. Ich finde die Tradition alter nordischer Dichtung herausfordernd und inspirierend. Die Wahrheit wurde einem nicht auf einem silbernen Tablett serviert, sondern durch Fragen, Rätsel und abstrakte Bilder vermittelt. Diese erlauben unterschiedliche Interpretationen, was dem Zuhörer Raum gibt, einen eigenen Sinn darin zu finden.”    -Einar Selvik

 

Wardruna hat mir schon so viele schöne und tiefe Momente beschert und zum wunderbaren „Helvegen“ hatte ich bereits hier mal etwas geschrieben. Sei es beim Gang durch die Natur, in der Vorbereitung auf ein Ritual, beim Entspannen oder bei der Alleinfahrt mit dem Auto: Es ist Musik, die Aufmerksamkeit braucht, in die man sich fallen lassen kann und mithilfe der man so vieles entdecken und erspüren kann. In diesem Sinne wünsche ich viel Freude und Hörgenuss und ebenso Erfolg beim Finden des eigenen Sinnes in diesem wirklich fantastischen Album.

 

Albumcover „Kvitravn“

Tracklist:

Synkverv
Kvitravn
Skugge
Gra
Fylgjutal
Munin
Kvit hjort
Viseveiding
Ni
Vindavlarljod
Andvevarljod

Spielzeit: 1:05:40

 

 

 

 

2 Gedanken zu „Album-Review: Wardruna – „Kvitravn“

  1. Hallo und guten Tag,
    ich danke Dir für die Erklärung über Wadruna und ihre Lieder in deutsch.
    Ich höre täglich die Musik von Wadruna und bin immer wieder begeistert von dieser wunderbaren, mystischen Musik.
    Ich verstehe leider nicht englisch, bin schon älteres Semester.
    Nochmals vielen Dank
    liebe Grüße Monika

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